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ABBA - Star Porträt


Jede sehr erfolgreiche Musikerkarriere gelangt irgendwann an den Punkt, an dem sich die Beteiligten fragen müssen, ob sie den harten Kern der Fans weiterhin mit Konzerten beglücken oder eher einen Schlussstrich ziehen wollen. Wer einen solchen Schlussstrich zieht, macht sich interessant. Die Königin solcher Gruppen ist ABBA. Es sollen schon zehnstellige Dollarbeträge für eine Reunion-Tour geboten worden sein. ABBA ist eine Legende – und nicht nur das: die Schweden haben mehrere hundert Millionen Tonträger verkauft. ABBA ist eine gewaltige Marke, die zu einem guten Teil so wertvoll ist, weil es die Gruppe nicht mehr gibt.

 

Dabei leben die Musiker noch. Um keinen Preis sollten Agneta, Frida, Benny und Björn ihren Status wechseln. Im Grunde passen sie auch schon lange nicht mehr zusammen. Während Björn eher die Selbstzufriedenheit einer IT-Ikone in Kalifornien ausstrahlt, hat Benny die verbiesterte Miene eines verkannten Genies, das zum Lehrersein verdammt seine Schüler malträtiert. Agnetha und Frida, die man vor ein paar Jahrzehnten am besten dank der Frisuren auseinanderhalten konnte, haben sich ebenfalls deutlich voneinander entfernt. Ist Frida eher so was wie die soziale Abordnung einer europäischen Hochadelsfamilie (das mag an ihrer Ehe mit Heinrich Ruzzo Prinz Reuß von Plauen liegen, wirkt Agnetha wie eine Kandidatin für „Frauentausch“ (gute Seite, zwei erwachsene Kinder). Ein Konzert von ABBA würde enorm viel Geld und positive Besprechungen und glückliche Fans bringen, kaum etwas ist allerdings wertvoller als die Illusion, dass ein solches Konzert ein warmer, erfüllender Moment sein könnte oder sogar eine Rückkehr. Der Mythos würde Schaden nehmen.

 

Denn ABBA ist noch etwas. ABBA wird leidenschaftlich gehasst, solange die Gruppe existiert und wird auch deshalb umso überzeugter verehrt. ABBA würde in der heutigen Zeit eine entscheidende Note fehlen: die Ablehnung derer, die sich für Gralshüter des guten Geschmacks halten. Die würden es nicht mehr wagen, etwas gegen ABBA zu sagen. ABBA kann nicht mehr so sein wie vor drei oder vier Jahrzehnten. Dafür gibt noch mindestens zwei Gründe mehr:

 

ABBA – Waterloo

 

Anni-Frid und Benny sind seit 1969 verlobt, Agnetha und Björn sogar verheiratet. Beide Paare haben sich etwa zur selben Zeit kennengelernt, das Ende von ABBA fällt mit dem Ende zweier Ehen zusammen. Zwei Paare, vier Musiker, die unabhängig voneinander in den 60er Jahren professionell zu arbeiten beginnen. Agnetha beispielsweise ist bereits vor den ABBA-Jahren ein Schlagerstar, der noch in den 70ern auch für den deutschsprachigen Markt veröffentlicht (Anspieltipp bei Youtube: „Tausend Wunder“; fürchterlich). Anni-Frid, die Frida, ist nicht ganz so erfolgreich, hätte aber beinahe schon vor ABBA beim Eurovision Song Contest teilgenommen.

 

Björn und Benny haben Musikerbiografien, die bis in die frühen 60er zurückreichen und schreiben ab 1966 gemeinsam Songs, betätigen sich als Produzenten, treten aber auch live auf. In den Jahren bildet sich auch das ABBA-Team, Stikkan Anderson nimmt die Musiker nacheinander unter Vertrag, die Arbeit des Tontechnikers Michael B. Tretow wird immer wieder gewürdigt, wenn es heute um die Frage der Gründe für den spektakulären Erfolg von ABBA geht … Ganz einig sind sich Experten nicht, wann das erste richtige ABBA-Lied genau entsteht. Das Quartett bildet sich, während es im Grunde schon im selben Stall steht. Björn Ulvaeus & Benny Andersson veröffentlichen 1970 schon als Björn Ulvaeus & Benny Andersson das Album „Lycka“, und auf dem findet sich ein schwedisches Stück, das von dem späteren ABBA-Quartett eingesungen ist.

 

Gemeinhin gilt 1972 als Gründungsjahr von ABBA, wobei sich ABBA noch immer nicht ABBA nennt. „Ring Ring“ entsteht, das erste Album von Björn Benny & Agnetha Frida, bis zu ABBA ist es wenigstens nicht mehr weit, und ein erster Erfolg: in Schweden nimmt man beim Vorentscheid zum Grand Prix teil. Und es werden deutschsprachige Schlagerversionen einiger Lieder aufgenommen. Das Album „Waterloo“ wird ab Herbst 1973 aufgenommen, im Frühling 1974 veröffentlicht, mit dem gleichnamigen Lied geht es durch den Vorentscheid und in Brighton zum Gewinn des Eurovision Song Contests. ABBA gewinnt nicht nur und wird dann (wie es gewöhnlich passiert) vergessen, sondern startet eine sensationelle Karriere – die aber mühsam.

 

ABBA – SOS

 

Obwohl mit „Honey, Honey“ selbst in Deutschland noch ein zweiter Singleerfolg nachgelegt werden kann, gilt die internationale Tour, die auf den Grand Prix folgt, als Flop. Seltsam eigentlich, denn ABBA hat bereits neues Material im Gepäck, einige großartige Lieder, etwa „I Do, I Do, I Do, I Do, I Do“ und „So Long“. Und da sind wir wieder bei der Besonderheit von ABBA, diesem speziellen geschichtlichen Prozess, der sich nicht nur nicht wiederholen lässt, an der Wiederholung können die Beteiligten auch nicht interessiert sein. Da hat diese Musikgruppe Lieder im Gepäck, die aus heutiger Sicht sicher als legendär und zeitlos zu beurteilen sind, und erhält nicht die Anerkennung, die sie verdient. Schlimmer noch: nachdem die internationale Resonanz eher bescheiden ist, gehen die Kritiker in Schweden, wo man bisher noch tapfer zu ABBA gehalten hat, deutlich auf Distanz.

 

Von Anbiederung an die Masse und ähnlichem Quark wird allenthalben gefaselt und gekritzelt, und das bei ABBA, wohlgemerkt, der Gruppe, die es schafft, in den kommenden Jahrzehnten auf nahezu allen runden Geburtstagen Mittel- und Nordeuropas, die aufeinandertreffenden Generationen zueinander zu führen. Das Album „ABBA“ wird 1975 veröffentlicht, als die Gruppenglieder bei der Fortsetzung ihrer Solokarrieren schon sehr weit sind – und daraus wird „SOS“ als dritte, insgesamt schon 15. Single, veröffentlicht. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem sich das Blatt wendet. Abgesehen von Japan (dort folgt man ab „Dancing Queen“) ist ABBA plötzlich in allen großen Musikmärkten, die von westlicher Musik erreicht werden, äußerst präsent.

 

„Mama Mia“ ist die letzte Single aus dem Album, wieder so ein Ding für die Ewigkeit. „Fernando“,„Dancing Queen”, „Money, Money, Money”, „Knowing Me, Knowing You“, „Take A Chance On Me“,„Thank You For The Music”, „Chiquitita” (dieses Lied ist ein Geschenk ABBAs an UNICEF), „Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)“, geht es bis in die späten 70er weiter, ABBA wird mit Preisen überhäuft, muss/darf vor dem Königshaus spielen, Polen importiert eine Weile ausschließlich ABBA-Tonträger, der gigantische, weltweite Erfolg schießt dermaßen viel Geld ein, dass die Beteiligten noch in den 70ern beginnen, in größenwahnsinnige Schwachsinnsgeschäfte zu investieren, die den Beteiligten später die eine solche Geschichte ganz wundervoll abrundende (beinahe) komplette Pleite bringen.

 

ABBA – The Winner Takes It All

 

Große ABBA-Dokumentationen werden gedreht (und wenn es etwas gibt, was man der Nachwelt von der Menschheit geben sollte, dann ist es zweifelsfrei „ABBA – The Movie“. ABBA kann beide Musiksorten, die Popballade und das Discostück, am Ende sind es zwei Ehen, an denen dieses einzigartige Musikprojekt zugrunde geht (oder andersrum?). Zwei Alben werden noch Anfang der 80er veröffentlicht, „Super Trouper“ der unvergessliche namensgebende Titeltrack des einen, mit dem wirklich letzten, „The Visitors“, zeigen ABBA und Fans, wie weit sie gemeinsam gehen könnten. Die Musiker beweisen, dass sie zu einer Landung in den 80ern bei gleichzeitiger Veränderung des Grundtons und der Haltung ohne weiteres in der Lage gewesen wären, wenn sie noch miteinander gekonnt hätten.

 

Kurz vor Weihnachten 1982 hat ABBA einen letzten gemeinsamen Auftritt – vor einer „Pause“, die bis heute andauert.

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