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Ich und Ich - Star Porträt


Ich + Ich ist eine sonderbare Formation. Annette Humpe trifft auf Adel Tawil, eine Popikone der 80er Jahre auf einen jungen, hoch strebenden Sänger, Erfolgsproduzentin auf ehemaliges Boygroupmitglied. Gemeinsam machen sie es sich seit einigen Jahren in den deutschen Charts gemütlich, schaffen sich mit eingängigem Pop, deutschen Texten, hübschen Melodien und eigenwilligen Elektroarrangements ein Refugium, das nur sie und vielleicht noch Annettes Schwester Inga mit ihrem Partner Tommi Eckart als 2raumwohnung betreten dürfen. Während letztere sich allerdings ausschließlich den netten und schönen Seiten widmen, ersparen Ich + Ich ihren Hörern keinesfalls, beide Seiten der Medaillen zu betrachten. Sie können auch traurig, etwas düster und stoßen allzu gerne gegen fest belegte Begriffe wie „Dienen“ und „Stolz“, brechen Regeln auf und sind bemüht, Worte neu zu besetzen.

 

Annette Humpe

 

In den 70er Jahren studiert Annette Humpe einige Semester Musik und beginnt, in Bands zu spielen. Die erste bekanntere Gruppe, der sie angehört, ist Neonbabies, berühmt wird sie Anfang der 80er mit Ideal. „Blaue Augen“ und „Eiszeit“, noch heute Pflichtprogramm auf NDW-Partys, stammen von ihr. Sie prägt die deutsche Popmusik jener Zeit als Backgroundsängerin von Trio und als Komponistin und Produzentin bei DÖF. Mit diesen Jobs verbringt sie den wesentlichen Teil ihrer kreativen Arbeit bis zum Ende des Jahrtausends. Zwar zeigt sie sich immer wieder auf der Bühne, doch ihre Arbeiten für Rio Reiser, Udo Lindenberg, Die Prinzen und Lucilectric sind ungleich erfolgreicher.

 

Nach einer Pause zwischen 1997 und 2002 produziert sie die Band Etwas, trifft Adel Tawil in einem Studio, lässt sich von dessen Stimme überzeugen und hebt das Projekt Ich + Ich mit ihm aus der Taufe.

 

Adel Salah Mahmoud Eid el Tawil

 

Als Adel Tawil 1978 zur Welt kommt, hat seine zukünftige Partnerin bereits erste Bands verschlissen. Tawil ist ein Popstar neuerer Prägung. Er führt eine Beziehung mit einer Soap-Darstellerin, gibt bei Bedarf der Bild-Zeitung darüber Auskunft und beginnt mit der härtesten Schule, die die Chartwelt zurzeit zu bieten hat: die männerbündische Kasernierung einer Boygroup – verhasst, zum kurzfristigen Erfolg verdammt und in jedem Fall mit eingebautem Zeitzünder.

 

Die Gruppe von Adel Tawil heiß The Boyz. Ein Quintett, natürlich alles Freunde, Adel nennt sich Kane und ist der Rapper der Gruppe. Produziert von Triple M in Berlin, die auch mit Ayman und den Castin-Flops Overground arbeiten, bringen The Boyz 1997 ihre erste Single heraus und sind eine Weile sogar recht erfolgreich. Die dritte Single „One Minute“ wird in Deutschland und der Schweiz ein Top-10-Hit, es kommt 1998 zu Serienauftritten bei Sat 1, im selben Jahr wird das zweite Album „Next Level“ veröffentlich. Hierbei kann man schon nicht mehr von Erfolg reden, eine offizielle Auflösung der Gruppe erfolgt nie.

 

Adel Tawil versucht, im Musikgeschäft zu bleiben, indem er sich mit einem Kollegen Studioequipment kauft und eine kleine Produktionsfirma namens Trackworks gründet. Es gibt etliche ehemalige Musiker, die irgendwann in irgendwelchen Tonstudios hinter Reglern verschwinden, mit Ich + Ich gibt es auch einmal eine Gruppe, die den Weg zurückgeht – wobei sich Annette Humpe bei Live-Auftritten gerne zurückhält.

 

Humpe und Tawil treffen sich 2002 in einem Studio in Berlin. Sie soll eine Aufnahme leiten, er etwas einsingen, sie ist begeistert von seiner Stimme, beide halten den Kontakt.

 

So unterschiedlich die Wege sind, die die beiden zueinander führen, so unterschiedlich sind die Basismaterialien, auf die sie bauen und so unterschiedlich ist die Liebe zur Musik gewachsen. Das hört man den Liedern von Ich + Ich an. Einige mag es stören, dass nur schwer eine einheitliche Linie auszumachen ist, die Alben sind ein Festival der Referenzen. Umso erstaunlicher ist es, dass Ich + Ich einen hohen Wiedererkennungswert haben. Ganz offensichtlich scheint es kaum etwas zu geben, was beiden als verboten gilt und ebenso ist zu erkennen, dass es die Produzenten Humpe und Tawil sind, die die Tracks sehr lange – und wahrscheinlich auch irgendwie demokratisch abgestimmt – bearbeiten.

 

Ich + Ich

 

Das Debütalbum „Ich + Ich“ erscheint im April 2005. In nahezu jedem Track sind die doch sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Bezugspunkte zu spüren. Bei einigen Elementen kann man sich nur fragen, woher sie kommen. Mitunter sind die Texte etwas schlagerlastig geraten, ein angenehmer, nicht charttypischer, elektronischer Grundtenor wird mitunter etwas bemüht durch Gitarrengeschrammel aufgebrochen, die Rap-Elemente sind unisono überflüssig, bei „Das Leben rast vorbei“ trifft etwas unglücklich Rammstein auf Münchener Freiheit, Nena scheint bei „Nur jemand den ich kannte“ vorbeizuschauen – aber das ist nur die eine Seite.

 

Die andere Seite ist der Erfolg, der die Eigenwilligkeit belohnt. Mit der zweiten Single „Du erinnerst mich an Liebe“ verbuchen Ich + Ich ihren ersten Top-10-Erfolg, mit „Dienen“ folgt direkt der nächste. Ich + Ich produzieren schöne, die Liebe fordernde Stücke. Die Vielfalt, die jeden irgendwo stören muss, ist Reminiszenz an unsere Zeit, an die neuen Medien und den Allround-Style, der damit verbunden ist. So ist auch das Publikum so unterschiedlich, wie man es sich eigentlich nur wünschen kann. Da stehen jene, die die Humpe seit mehreren Dekaden in ihren Herzen tragen neben frisch verliebten Kindern – es wird nicht verwundern, dass Ich + Ich für nicht wenige ein Familienprojekt sind.

 

Ich + Ich - Vom selben Stern

 

Bei der eigenwilligen Zusammensetzung versteht es sich von selbst, dass eine Fortsetzung der Arbeit nicht selbstverständlich ist. 2007 folgt das zweite Album „Vom selben Stern“. Es landet auf Platz vier der deutschen Charts, bleibt etliche Wochen weit oben und ist damit eines der wichtigen Alben dieses merkwürdigen Chart-Jahres. Ich + Ich bleiben gefühlsbetont, beziehen jedoch auch Position, zum Beispiel gegen willenlosen Konsum. Die Single „Vom selben Stern“ wird zum bis hierhin größten Erfolg der Musiker, für das Video stellt eine Vielzahl von Prominenten ihr Konterfei zur Verfügung und untermalt die Message. Gemeinschaft, Gemeinsamkeit, das Aufbegehren gegen den gemeinsamen Trott. Was widersprüchlich anmutet, bekommt eine logische Note. Sie wagen es unglaublich kitschig, schrecken jedoch auch vor ausgesuchter Albernheit nicht zurück. Leider hält sich der dynamische Beginn des Albums nicht, irgendwann wird es langweilig, „Wenn ich tot bin“ ist misslungen. Das können andere besser.

 

Mit „Prison Break (Ich glaub an Dich)“ setzt Adel Tawil 2007 auch allein eine Duftmarke. Das Duett mit Azad ist die Hymne für all jene, die gerade einen Kollegen im Jugendknast haben und für Adel Tawil der erste erste Platz in den deutschen Single-Charts.

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