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Motörhead - Star Porträt


Schlimm, über Bands wie Motörhead schreiben zu müssen. Anschließend schmerzt der Rücken. Lassen wir also den ganzen Ehrerbietungsquatsch, Lemmy Kilmister ist längst kein Schreckgespenst mehr, von ebenso längst etablierten Medienfunktionären als gewandter Gesprächspartner entdeckt – und das wiederum ist ein gültiger Beleg dafür, dass Motörhead, seine Band, dort angekommen ist, wo sie keiner hinwünscht. Alles ist gesagt, beschränken wir uns auf das, was bleibt, wenn man die Sache mit dem Alkohol und der Weisheit des Lemmy einmal beiseite lässt – vielleicht die einzige Möglichkeit, dem Rock & Roll (wir können kein vernünftiges „`n´“) irgendwie gerecht zu werden.

 

Ian Kilmister  aus Stoke-on-Trent in England ist Sohn eines Feldkaplans der Royal Air Force und kommt kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges zur Welt. Der Vater verlässt schnell nach der Geburt die Familie – ist das interessant? Nein. Bis Mitte der 70er Jahre zieht Lemmy, wie der Junge genannt wird, durch Nordamerika und England, ist Roadie für Jimi Hendrix und gerade aus der Band Hawkwind geworfen worden, als er 1975 nach London zurückkehrt, um eine eigene Band zu gründen. Eigentlich will er sie Bastard nennen, dann nimmt er doch den Titel eines Liedes, das er für Hawkwind geschrieben hat: Motörhead steht.

 

Die Urbesetzung allerdings nicht besonders lang. Der Schlagzeuger Lucas Fox und der Gitarrist Larry Wallis arbeiten noch am ersten gemeinsamen Album mit, das Label (United Artists) weigert sich, das Ding zu veröffentlichen – und überhaupt mit dem Trio weiter zu arbeiten. Gleich mehrere Produzenten sind verschlissen, ohnehin scheint Motörhead nicht in die Zeit zu passen. Es ist die Zeit der Disco und des Punks, des Bombasts und … ist ebenfalls vollkommen egal. Auf uns wirkt Motörhead wie der Inbegriff der Rockmusik, obwohl die ja auch damals schon existiert, und das mag daran liegen, dass die Band die Geschichte fortschreibt und modisch, ästhetisch (oder wie auch immer man das nennt) prägend wirkt, mit Kutten, Nieten, Mopeds, Hochprozentigem, Welt- und Bürgerkriegsgedöns. Der erste Mann, der sich für längere Zeit an die Seite von Lemmy stellt, ist der Schlagzeuger Phil Taylor (er ersetzt Fox noch während der Aufnahmen zum Debütalbum, der zweite ist der Gitarrist (Fast) Eddie Clarke, der noch 1976 zu Motörhead stößt. Mit Clarke, Kilmister und Taylor steht für einige Jahre die klassische Besetzung der Band.

 

Die erste Veröffentlichung: die Single „Leaving here“ (zweite Seite „White Line Forever“), der erste Song ist eine Holland–Dozier–Holland-Nummer (das ist ein Motown-Songschreiber-Team), der zweite ist eine Zusammenarbeit der Motörhead-Mitglieder, veröffentlicht wird das Ding 1977 bei Stiff Records, dem Punk-Label aus London. Dort setzt man allerdings auch nicht auf Motörhead, Chiswick Records gibt den Musikern die Chance zur Aufnahme einer weiteren Single – und die nutzen die ihnen gegebene Zeit, um ihr Live-Set einzuspielen. Das erste, selbstbetitelte Album steht und wird im September 1977 veröffentlicht. Während der Promotour bricht sich Taylor dann einen Halswirbel an. Anschließend steht Motörhead wieder ohne Label da – und auch ohne Management.

 

Motörhead – Aces Of Spades

 

Der Manager Doug Smith von Hawkwind übernimmt, Motörhead bekommt eine einzige Single-Chance bei Bronze Records und steigt in den erfolgreichsten Abschnitt der Bandgeschichte ein. Motörhead spielt „Louie Louie“ von Richard Berry, im März 1979 wird „Overkill“ veröffentlicht, das zweite Album, im Oktober 1979 folgt „Bomber“, das dritte Album, mit dem sensationellen „Dead Men Tell No Tales“. Die Live-EP „The Golden Years“ gibt es dann im Mai 1980, Motörhead steigt wiederholt in Toppositionen der britischen Charts, im November erscheint dann „Aces Of Spades“, das vierte Album. Motörhead tourt mit Girlschool durch Europa und mit Ozzy Osbourne durch die USA, die allerbeste Chartposition, und in diesem Fall stehen die Charts ausnahmsweise einmal für so etwas wie Logik und Wahrhaftigkeit, erreicht Motörhead im Juni 1981 in England mit „No Sleep ´til Hammersmith“.

 

Mit Wendy O. Williams von den Plasmatics spielt die Band „Stand By Your Man“ in der einzig gültigen Version ein und veröffentlicht im April 1982 „Iron Fist“, das nächste Album, das große Finale der supererfolgreichen Zeit in den Charts, kurz Ende der Zusammenarbeit mit Bronze – und entscheidend ist, dass Eddie Clarke Motörhead verlässt (im Zwist über den Weg, den die Band … heißt es zumindest). Brian Robertson von Thin Lizzy springt während der laufenden Tour ein, arbeitet auch am nächsten Album „Another Perfect Day“ mit, das im Juni 1983 erscheint, wird dann allerdings vor die Tür gesetzt (vermag es nicht, Fast Eddie zu ersetzen, ist seinerzeit einhellige Fanmeinung, andere stören sich daran, dass er schon mal mit einem Tutu die Bühne betritt).

 

Motörhead – Killed By Death

 

Etwas merkwürdig das ganze, zumindest wenn man bedenkt, dass es die fehlende Perfektion Motörheads ist, die von den Fans anderweitig gerne hochgehalten wird und dass Phil Taylor noch 1984 Robertson folgt, um mit ihm eine neue Band zu gründen … jedenfalls entscheiden sich Taylor und Kilmister zuvor, zunächst einmal mit zwei Gitarristen weiterzuarbeiten, Philip Campbell und ein gewisser Würzel (Michael Burston) werden gecastet, Pete Gill (vormals Saxon) ersetzt anschließend Taylor am Schlagzeug. Innerhalb kurzer Zeit ist die Besetzung der Band um Herrn Kilmister komplett durcheinandergeworfen, auch die Besetzungsstruktur wird maßgeblich verändert worden.

 

Bronze macht da nicht mit, eine abschließende Best-of-Zusammenstellung soll her, an das Ende einer jeden LP-Seite wird allerdings ein Lied der neuen Besetzung gestellt, darunter „Killed By Death“. Nach einer Art Studiostreik, den Motörhead durch permanentes Touren überbrückt, entlässt Bronze die Band aus dem Vertrag, die Manager Doug Smith und Dave Simmons gründen GWR Records – und darüber wird im August 1986 „Orgasmatron“ veröffentlicht. Motörhead tourt mit Megadeth, 1987 gibt es das Album „Rock `n` Roll“ mit der Single „Eat The Rich“, Phil Taylor kehrt zurück, Taylor und Kilmister siedeln nach Los Angeles über.

 

Motörhead – 1916

 

Für „1916“, das immerhin neunte Studioalbum, Anfang 1991 veröffentlicht, gibt es sogar eine Grammy-Nominierung, Motörhead ist inzwischen auf fünf Kontinenten unterwegs und tourt mit Kollegen wie Judas Priest, Alice Cooper und Sepultura, mit Ozzy Osbourne und Ugly Kid Joe (wirklich wahr), mit Guns N´ Roses und Metallica. Wenn irgendwo behauptet wird, Motörhead klinge eigentlich immer gleich, wird von irgendwem „1916“ genannt. Die Band gibt auch mal Balladen, wenn man zusammenzählt, sind es nicht einmal wenige. Lemmy Kilmister wohnt seit seinem Umzug in die USA angeblich in einer kleinen Wohnung in LA, die mit militärischem Kram aus dem Dritten Reich vollgestellt ist, er selbst ist eine auffällige, backenbärtige Gestalt mit zwei enormen Leberflecken im Gesicht, der für Kurzauftritte in Pornos und anderen Filmen hochinteressant ist, der zunehmend für Musikerkollegen arbeitet und mit ihnen kollaboriert – ein absoluter Höhepunkt ist 2004 Probot, ein Projekt von Dave Grohl.

 

Phil Taylor steigt erneut aus, an dem nächsten Album „March Ör Die“ arbeiten gleich drei Schlagzeuger, neben Taylor Tommy Aldridge, bevor Mikkey Dee einsteigt, der in den folgenden Jahren zur Band gehört. In den 90er Jahren entwickelt sich Motörhead in Deutschland zu einer Gruppe, deren Alben in für die Charts durchaus relevanten Mengen gekauft werden. Slash und Ozzy Osbourne beteiligen sich an der Produktion von „March Ör Die“.

 

Motörhead – Bastards

 

„Bastards“ folgt im November 1993, Motörhead arbeitet recht konsequent an den eigenen Wurzeln, lediglich ein-zwei Balladen stören die Konzeptkunst, „Sacrifice“ ist 1995 auch davon bereinigt. Wurzel oder Würzel, der eine Gitarrist halt, verlässt die Band und wird nicht ersetzt. Die Band tourt und tourt, ab Oktober 1996 gibt es das Album „Overnight Sensation“, 1998 „Snake Bite Love“ – es bleibt erstaunlich, wie kurz die Band die Zeit zwischen zwei Veröffentlichungen hält. Zu den vielen Alben kommen EPs, verschiedene Zusammenstellungen, vor allen Dingen die Live-Alben sind zu erwähnen … „Snake Bite Love“ ist nach vier gemeinsamen Alben das vorerst letzte mit dem Produzenten Howard Benson.

 

2000 gibt es dann „We Are Motörhead“, diese Erklärung schickt Lemmy Kilmister in der Regel der Musik vorweg, nachdem er die Bühne betritt. „God Save The Queen“ findet sich auf dem Album, Motörhead covert die Sex Pistols, immerhin soll Lemmy einige Jahrzehnte zuvor Sid Vicious eine kleine Einweisung im Bassspiel gegeben haben. Inklusive DVDs, Alben und Live-Aufnahmen kann Motörhead allein im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, nach einem Vierteljahrhundert im Geschäft, mehr als ein Dutzend großer Veröffentlichungen vorweisen. Das nennt man wohl Dienst am Kunden, vielleicht auch Besessenheit, hinzu kommt, dass derjenige, der sich in die Geschichte der Band hineinarbeiten möchte, das Liedmaterial relativ günstig zugestellt bekommt. Er sollte Zeit mitbringen. Was irgendwie immer gleichförmig daherkommt, entwickelt bei näherer Betrachtung durchaus an Facettenreichtum. Das aktuelle Album ist „Motörizer“ und gibt es in Deutschland ab Sommer 2008.

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