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Genrelexikon


Punk


Für Puristen ist Punk ein Phänomen der 70er Jahre, das in den 70ern auch sein Ende findet. Diese Leute werden gute Gründe dafür haben, müssten jedoch einen anderen Begriff für das bieten, was in der Folge – das heißt im folgenden Vierteljahrhundert – unter dem Begriff Punk weiterhin für Wirbel sorgt.

Punk ist mehr als eine Musikrichtung. Es handelt sich um eine Subkultur, deren wichtigstes Merkmal ein Arschtritt ist, den die Protagonisten jeglichen etablierten Strukturen zu verpassen versuchen. Allerdings haben einige Bands damit einen derartigen Erfolg, dass sie am Ende in die Luft treten. 1977 werden Bands wie die englischen Sex Pistols mehrheitsfähig, ebenso die Ramones. Es ist daher verständlich, dass genannte Puristen die Idee des Punks, die Verweigerung, als beendet ansehen. Allerdings folgen neue Bands mit ebensolchen Ansätzen, und gerade in den 80ern und 90ern gelingt es Punkern immer wieder (zum Beispiel bei den Chaostagen in Hannover), das Establishment in Angst und Schrecken zu versetzen.

Zwei weitere Gründe sprechen gegen die Unterstellung, dass Punk mit der Etablierung weniger Bands im Mainstream aufgehört habe zu existieren. Erstens hält sich für viele Jahre eine nicht gerade kleine Kultur der Aussteiger und Totalverweigerer, die europäische und amerikanische Grünflächen belagern. Zweitens beeinflusst Punk Teile der Musiklandschaft in der Folgezeit nicht gerade unwesentlich.


Punk Geografie

Im Kleinen wohnt die Punk-Attitüde von Beginn an der Rockmusik inne. Häufig sind es jedoch weniger die Musiker, die der Gesellschaft den Rücken zukehren, die Elterngenerationen sind es, die die Rocker zur Bedrohung erklären. Das schwächt sich natürlich mit der Zeit und der Feststellung ab, dass die Rocker keine Revolution planen. New York ist in den 70ern die Heimstadt wichtiger, neuer, später sehr einflussreicher Künstler. Andy Warhol ist hier, The Velvet Underground gründen sich bereits in den 60ern, Gründungsmitglieder sind Lou Reed und John Cale, Iggy Pop zieht es in den 70ern nach New York, ebenso David Bowie. Die Club- und Partyszene ist magisch. Die Geschichte des Studio 54 ist bekannt, auf den Straßen entsteht die Hiphop-Kultur (das ist allerdings eine andere Geschichte). Der entscheidende Ort des Punks ist der Club CBGB. Hier treten Patti Smith, die Talking Heads, Blondie und vor allem die Ramones auf. Von hier aus gelangt Punk nach England, wo sich Bands wie Sex Pistols oder The Clash gründen und 1977 gelingt den Ramones und Sex Pistols der Durchbruch. Auch in Deutschland entstehen in direkter Folge Punk-Bands: HASS 1978 in Marl, Slime 1979 und 1980 Schleim-Keim in der DDR.


Punk Galaxie

Was die Frühphase des Punks angeht, wird mitunter extrem penibel gerechnet (Wer hat´s erfunden? Wer war zuerst? Wer gehört (noch) dazu?). Da gibt es die allerallerersten (77er Punk), dann kommt die Second Wave – und dann die New Wave. Das sind Bands, die vom Punk inspiriert sind, sich jedoch an eine Erweiterung der musikalischen Mittel wagen. In der Folge wird der Begriff der Wave mit der Neuen Deutsche Welle und ihren Folgen zum Beispiel arg strapaziert.

Gerne wird über die Folgezeit (die frühen 80er) auch als Post Punk gesprochen. Es entwickeln sich düstere Spielarten, etwa die Arbeiten von Joy Division oder Nick Cave oder den Einstürzenden Neubauten, denen ebenfalls Punk-Wurzeln zugesprochen werden. Eine wichtige Fortführung des Punks ist Hardcore. Agnostic Front, Bad Brains und Black Flag sind Vertreter dieser härteren Spielart, die noch heute bekannt sind und in der Hochzeit des Punks entstehen. Ebenso wie die Kalifornier Dead Kennedys, deren Sänger Jello Biafra mehr ein musizierender Politiker ist, Polit-Punk könnte man das auch nennen.

In England entsteht Oi! Das ist dann mehr eine nihilistische, ursprünglichere Form des Punks. Zwar wird Punk generalisierend politisch mit einer merkwürdig wenig theoretischen Form des Anarchismus verbunden (das nennt sich dann mitunter Anarcho-Punk), tatsächlich schließt Punk eigentlich keine politische Haltung aus. Rechte und konservative Punker sind zumindest unwahrscheinlich, obwohl Ramone-Reste George W. Bushs Präsidentschaftswahlkampf unterstützt haben sollen.

Mit der deutschen Wiedervereinigung – oder ist es der Grunge? – steigt das Bedürfnis nach Punk. In Deutschland spielen neue Punkbands (z.B. Green Day), ältere Combos (NOFX, Bad Religion), Saufpunk-Bands und Deutschpunk-Bands (Die Toten Hosen, Die Ärzte) die kompletten 90er Jahre hindurch eine nicht zu verachtende Rolle in „der“ Jugendkultur (und bei alten Säcken auch).


Punk Geräte

Merkmal vieler frühen Punkbands ist, dass die Musiker ihre Instrumente nicht beherrschen. Allerdings lernt man das unweigerlich, wenn man 150 Konzerte im Jahr gibt, daher ist mangelndes Können nie wesentliches Moment des Punk, eher hingegen ein Hang zur Unperfektion und das Versprechen, mit Leidenschaft auf die Instrumente einzugehen.


Punk Götter

Ja, Götter gibt es. Allerdings bestehen auch hier die alten Konflikte um die Frage, was denn richtiger Punk sei. John Ritchie (Sid Vicious) ist eine wirkliche Ikone des Punks. 1975 werden die Sex Pistols gegründet, im großen Jahr, 1977, stößt Sid als Bassist hinzu, 1978 wird die Band aufgelöst, 1979 folgt sein (öffentlicher) Tod. The Clash gelten bei Hartgesottenen ab dem Zeitpunkt als falsche Punker, an dem sie sich Anzüge anziehen, für manche sind alle, die 1980 noch leben, keine Punker.


Punk Gegenwart und Zukunft

Punk ist integraler Bestandteil einer jeden Jugendkultur – naja, fast jeder. Immer, wenn ein Genre erweitert, eine Erfindung gemacht oder Grenzen gesprengt werden, sind die Protagonisten Punks. Der Fortbestand der Menschheit hängt vom Fortbestand des Punks ab.


Surftipps: www.jugendszenen.com/punk/

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