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Seeed - Star Porträt


Seeed ist das Dancehall-Kollektiv aus Berlin, eine Gruppe, zu groß für eine Band, zu stabil, um sie einfach Projekt nennen zu können; Seeed lässt sich nicht, wie es in ähnlichen Fällen meist geschieht, auf den Frontmann reduzieren, denn es gibt drei davon. Eigentlich lässt sich Seeed gar nicht reduzieren, denn in einer Zeit, in der selbst James Last sein Orchester schließen muss, setzt diese noch immer frische, elfköpfige Formation, ihren Weg (hoffentlich) einfach fort und dabei immer auf das Prinzip der vielen Köche. Die Musiker behaupten, dass sie den demokratischen Gedanken leben, indem jeder einzelne an den Tracks feilt und seine Version in den Pool der Lieder wirft, die für Veröffentlichungen zur Wahl stehen.

 

Klar, dass diese verschiedenen Versionen aufgrund der unterschiedlichen Professionen der einzelnen Produzenten recht unterschiedlich ausfallen. Am Mikrofon stehen bei Seeed Enuff (Peter Fox bzw. Pierre Baigorry), Ear (Demba Nabé) und Eased (Frank A. Dellé). Peter Fox ist der, der in Interview am häufigsten befragt wird. Wenn jemand dringend einen Kopf braucht, hier ist er. Er ist lange nicht das einzige Seeed-Mitglied, das sich nicht auf Seeed allein beschränken mag; so singt er mit Miss Platnum „Merry Me“ und bastelt an Fixx & Foxy Productions sowie an seinem Solodebüt 2008.

 

Demba Nabé ist der Typ bei Boundzound, der 2007 mit diesem Projekt einen Parallelfrühling erlebt. Seeed hat eine kleine Bläserabteilung (am Saxophon: Moritz „Mo“ Delgado; an der Posaune: Jerome „Tchamp“ Bugnon), eine stark besetzte Percussion-Fraktion (Based am Schlagzeug; Percussions: Alfi Trowers), Dubmaster Reibold am Keyboard, Rudeboy Rudy an der Gitarre, Tobsen Cordes am E-Bass und einen DJ. Bis 2005 hatte diesen Job DJ Illvibe bei Seeed inne, der jedoch in so vielen Projekten zugegen ist, dass er Seeed nunmehr im Hintergrund betreut und DJ Luke platz macht.

 

Auch klar, dass der Begriff des Dancehalls dabei tüchtig gedehnt wird. Seeed adaptiert das Dancehall-Reggae-Ding nicht einfach, sondern kocht eine eigene Suppe, bastelt an einem teilweise ins Bombastische gehenden Sound, arbeitet mit deutschen und englischen Texten, die tanzbar sind, hat mal was von einer Marschkappelle, oft schimmert eine ordentliche Portion Karneval durch, Seeed tritt mit ausgefeilten Choreografien auf, in Anzügen oder eleganten Uniformen mit Kapuze.

 

Seeed – die erste Platte machen ist wie ein extragroßes Ei legen

 

Der Anfang von Seeed ist noch gar nicht so lange her. Es heißt, Berlin sei Ende der 90er Jahre voller Dancehall gewesen – nur live habe das keiner bringen können; das ist aber auch schwer …. Seeed ist angetreten, einmal ein ordentliches Feuerwerk abzufackeln. So eine Band gründet man nicht mit dem Plan, ein Land oder noch mehr zu erobern; einem Label ist es zu gewagt, allerdings zeigen die vielen tausend Fußballvereine jedes Wochenende, dass man so eine Mannschaft auch mit geringen Mitteln im Spielbetrieb halten kann.

 

Am Anfang soll Enuff beim Karneval der Kulturen gestanden und sich seinen Beitrag dazu ausgemalt haben – er selbst bewegt sich zu diesem Zeitpunkt in den Bereichen Funk und Hip-Hop, will jedoch Reggae machen. Er sammelt einen bunten Haufen um sich, fast alles gebürtige Berliner aus vier Jahrzehnten der Stadt. Die Seeed bastelt zunächst an Roots-Reggae, das städtische Publikum nimmt die Musik dankbar ab, applaudiert und zwingt zum Weitermachen.

 

Mitte 2000 gibt es eine EP namens „New Dubby Conquerors“ zu kaufen, Seeed hat einen Track auf dem „Kanack-Attack“-Soundtrack, Seeed tourt mit Buju Banton, etwas Besseres kann einem eigentlich nicht passieren, und ein Auftritt beim „Summer Jam“ vervollständigt das Glück. Zur Lautstärke, dem pumpenden, dynamischen Auftreten, der merkwürdig eigenwilligen Dynamik kommt, dass Seeed innerhalb ganz kurzer Zeit an unterschiedlichen Stellen plötzlich präsent ist – „The Tide Is High“, ein alter Gassenhauer, wird die nächste EP.

 

Seeed – New Dubby Conquerors

 

Im Mai 2001 erscheint das Debütalbum „New Dubby Conquerors“. Im gleichen Monat ist Seeed Vorgruppe von R.E.M. in Köln. Sendungsbewusst lässt die Formation das Ding schon etwas früher bei DJs und damit Clubs und vor Publikum kreisen. Seeed ist kein Kandidat für die Charts, sollte man meinen, doch genau dahin gehen sämtliche Produktionen der Formation. Es gibt so etwas wie ein Urknall, einen Text, mit dem Seeed für alle Zeit verbunden werden kann, und der passiert in diesem Fall direkt zu Beginn. „Dickes B“ ist eine Liebeserklärung an Berlin, die Stadt, die wieder wer ist und irgendwie passt das Lied nicht nur in den folgenden Sommer, in die Hauptstadt, sondern ziemlich vielen Menschen einfach in den Kram. Bei dem Festival „Fete de la Musique“ steht Seeed das erste Mal dem neuen, eigenen Publikum gegenüber, Massen von Menschen legen auf dem Weg zu den „Dancehall Caballeros“ alles lahm.

 

„Dancehall Caballeros“ ist die zweite Single der Gruppe, ein wesentlich besseres Ding als der Vorgänger, wird im Herbst auf den Markt gebracht – danach muss krankheitsbedingt eine Pause eingelegt werden. Im Grunde hat Seeed ein schönes Sommermärchen wahr werden lassen, niemand kann damit rechnen, dass das Projekt eine ähnlich erfolgreiche Fortsetzung findet.

 

Seeed – Music Monks

 

Es kommt zu einer ungleich erfolgreicheren Fortsetzung. „Waterpumpee“, eine kleine EP, sorgt in der Karibik für Aufhorchen. Es heißt, dass Bild, das einige Spieler Trinidad und Tobagos 2006 von Deutschland nach Deutschland trugen, sei nicht unwesentlich von Seeed beeinflusst gewesen. Hierzulande schlägt das Establishment mit zwei Echos auf Seeed ein.

 

Ziemlich genau zwei Jahre nach dem Debüt legt Seeed nach – rasch, wenn man die aufwändige Produktion und die aufregende Zeit dazwischen einrechnet. „Music Monks“ ist ein würdiger Nachfolger, der zum Teil sogar in Jamaika entsteht – man gönnt sich ja sonst nichts. Seeed ist professioneller, elektronischer, bleibt sich jedoch durchaus treu – ein wenig fehlen die Aufreger, die unantastbaren Spitzen auf dem Album. Elephant Man beteiligt sich an „Shake Baby Shake“, „Double Soul“ entsteht mit der Reggae-Sängerin Tanya Stephen.

 

Für „Music Monks“, die erste und erfolgreichste Single des Albums, hat Seeed die Streicher des Berliner Türkiyem-Orchesters an Bord geholt. Die Musiker machen ihr Ding aus vielen – „What You Deserve Is What You Get“ ist die Single für den Herbst, „Release“ erscheint noch im Sommer des nächsten Jahres 2004, „Respectness“ hätte es verdient gehabt …

 

Seeed – Next!

 

Im Oktober 2006 gibt es „Next“, das dritte Album. Diesmal geht es bis auf den zweiten Platz der deutschen Charts. Seeed erreicht ein neues Level, „Aufstehn!“ (es gibt eine Version mit Cee-Lo Green), ein wundervolles Lied, und „Ding“ landen in den deutschen Top 10. Mit dem zweitgenannten Track holt sich Seeed den Bundesvision Song Contest als bis heute einzige Gruppe, die nicht Gitarrenrockzeug spielt. Zunehmend ist Seeed international unterwegs, „Next!“ erscheint Anfang 2006, im Herbst des Jahres geht es mit „Live“ wieder in die Top 10. Im August 2007 kündigt Seeed eine Pause bis 2009 an, Familien und Nebenprojekte haben Vorrang.

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