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Silbermond - Star Porträt


Wer noch davon spricht, deutschsprachige Popmusik habe es irgendwie schwer, der hat diverse Schüsse nicht gehört, die in den vergangenen Jahrzehnten gefallen sind. Silbermond ist ein solcher Schuss, und hört man die Alben der Gruppe, muss man feststellen, dass es in den vergangenen 30 Jahren immer erfolgreiche deutschsprachige Pop- und Rockmusik gegeben hat, denn an der arbeitet sich die Band ab.

 

Die Gruppe stammt aus der Knaststadt Bautzen, einen besseren Ort für einen Aufbruch kann es eigentlich nicht geben. Allesamt in den frühen 80ern in die DDR geboren, lernen sich die Musiker 1998 bei Ten Sing kennen. Das ist – nicht zu verwechseln mit Edmund Hillarys berühmtem Sherpa Tenzing Norgay – ein Jugendprogramm des CVJM, das ursprünglich aus Norwegen stammt. Bei Ten Sing gründen Jugendliche Bands und arbeiten gemeinsam an einem Auftritt.

 

Stefanie Kloß (Gesang), Johannes Stolle (Bass), Thomas Stolle (Klavier, Gitarre) und Andreas Nowak (Schlagzeug) machen mehr aus dem Projekt und wachsen in eine Zeit hinein – ach was – begründen eine neue Epoche deutschsprachiger Rockmusik mit, in der es wieder richtige Frontfrauen gibt (neben Doro Pesch), in der mit Mut den Schwierigkeiten begegnet wird, die die deutsche Sprache Liedtextern bereitet und in der Deutschrock weiter Hallen füllt, auch wenn Westernhagen müde ist und Pur, Maffay und Petry endlich nicht mehr für rockig gehalten werden.

 

Hier wird früh klar, dass man der Band ganz fix unrecht tun kann, wenn man mit Vergleichen aus der Deutschrockgeschichte kommt. Schließlich gibt es da noch die Zonenrockversuche der Jeanette Biedermann, das Gesamtkunstwerk Kunze, die Legenden aus der DDR und Nena, die mit den immer gleichen Titeln seit 60 Jahren in die Charts kommt. Auch Udo Jürgens hat sich mit Sicherheit schon ein-zwei Mal morgens wie ein Rocker gefühlt.

 

Das muss die Musiker nicht kümmern und alles, was scheiße gelaufen ist, muss man schließlich nicht zwangsläufig fortsetzen. Erst einmal werden englischsprachige Stücke nachgespielt, wird wie blöde geprobt und gejammt, nach wenigen Monaten der erste regionale Bandwettbewerb gewonnen und eine Pause eingelegt.

 

JAST

 

Die Gründung der Band vollzieht sich im Jahr 2000, der Name JAST erinnert irgendwie an die Versuche, englische Vokabeln einzudeutschen, setzt sich allerdings aus den Anfangsbuchstaben der Bandmitgliedervornamen zusammen. Die Gruppe sammelt Live-Erfahrungen und damit Qualitäten, auf die ihre Fans heute schwören. Die Sängerin Stefanie Kloß ist – wie Stefan Raab sagen würde – angenehm untussig, die Gesamtperformance auf größere Hallenveranstaltungen ausgelegt.

 

Bei einer Reihe von Bandwettbewerben werden vordere Plätze belegt, die Gruppe erspielt sich ein Stammpublikum in Sachsen, bevor sie sich im Spätsommer 2001 entschließt, in die Muttersprache überzusiedeln. In dieser Zeit arbeiten die drei großen deutschsprachigen Poprockbands mit Frau am Mikrofon und einer Hand voll Kerlen dahinter an ihrem Durchbruch. Wie es kommt, dass Wir sind Helden, Juli und eben Silbermond, die ja nicht wissen können, dass sie so unglaublich viel Erfolg haben werden und sicherlich kotzen, so penetrant miteinander verglichen zu werden, ausgerechnet in jener Zeit beginnen, aufzudrehen, kann hier nicht beantwortet werden. Sie kommen nicht aus denselben Gegenden, eigentlich muss man – was die Musik angeht – scharf trennen, allerdings erschaffen sie zu dritt, vielleicht noch mit einigen weiteren Bands aus Berlin einen kleinen Hype und befeuern ihre Erfolge ab 2003 sicherlich gegenseitig.

 

Im Mai 2002 spielt JAST in der Lausitz als Vorgruppe der Puhdys vor vielen tausend Menschen. Es heißt, der Sprachenwechsel sei maßgeblicher Grund dafür gewesen, dass ein neuer Name her muss – Silbermond ist ein Kompromiss, dem alle zustimmen können.

 

Silbermond - Verschwende deine Zeit

 

Im Juli 2002 tritt Silbermond in der Arena Leipzig bei der Geburtstagsfeier von Radio PSR auf. Nach einem zweiten Platz beim Newcomer-Award „Lucky Star“ zieht die Gruppe in eine ziemlich kleine WG in der Hauptstadt. Nach langer Suche hat sich mit BMG ein recht ordentliches Label gefunden, das die Band unter Vertrag nimmt, ohne einen weiteren Namenswechsel oder weitere Musiker zu fordern. Das Produzententeam des Valicon Forum, Ingo Politz und Bernd Wendlandt aus Ostberlin, arbeitet mit Silbermond an dem ersten Album.

 

„Verschwende deine Zeit“ ist im Februar 2004 fertig gestellt und wird im Juni des Jahres veröffentlicht. Im Januar 2004 geht es als Vorband von Jeanette Biedermann, die ebenfalls mit Valicon zusammenarbeitet, auf große Promotiontour. Im März erscheint die erste Single „Mach´s dir selbst“, die es immerhin auf Platz 54 der deutschen Charts schafft. Kurz vor der Veröffentlichung des Albums folgt die zweite Single „Durch die Nacht“, die es bereits auf den 20. Platz schafft.

 

„Verschwende deine Zeit“ wird schließlich mehr als 750000 Mal verkauft, ist in Deutschland auf Platz 2, in Österreich auf Platz 4. Im September folgt die Singleauskopplung „Symphonie“, ein merkwürdiges, aber einprägsames Stück, das für all jene komisch klingt, die nicht ganz so überzeugt von der Stimme der Sängerin sind, und für diese ist die Vorstellung, ein voll besetzter Konzertsaal könne in Verzückung geraten dieses sehr hoch gehaltene Stück mit dem lang gezogenen Refrain mitsingen, ein absoluter Graus. Eine große Käuferschicht mag das Lied, die dritte und letzte Single von „Verschwende deine Zeit“ ist die erste Single-Top-10-Platzierung der Band. Und die Sängerin ist zweifellos eine gute, flexible und einnehmende Künstlerin.

 

Alle Zeichen verheißen eine großartige Zukunft. Die Bunte zeichnet die Newcomer aus, 2005 bekommen sie für ihre inzwischen bereits reife Live-Arbeit die 1LIVE-Krone. Silbermond liefert früh ein komplettes Repertoir, das recht schnell und sehr langsam, albern und bitterernst kann. Zusätzlich steht die Band immer für die gute Sache ein.

 

Silbermond - Laut gedacht

 

Die Schuster bleiben bei – äh – die Gruppe bleibt bei dem, was sie gut gemacht hat. Auch das zweite Album „Laut gedacht“ wird sorgfältig produziert, jedes Stück wird auf seine Live-Tauglichkeit abgeklopft. Es gibt Rockiges für unkontrollierbare Bewegungen, Balladen zum Zücken der Feuerzeuge und Rock, bei dem man – die Hände zum Himmel – rhythmisch mitklatschen kann. Im Vergleich zum ersten Album erinnert nur noch recht wenig an die elenden 80er; das ist nicht schlecht, die Musik ist nichts für Musik-Nerds – und das wiederum ist auch nichts Schlechtes.

 

Ob es Absicht ist, kann von hier aus nicht gesagt werden. Erst die dritte Single ist mit „Das Beste“ die Ballade, die sofort auf dem ersten Platz landet. Das Album erscheint im April 2006, verkauft sich noch besser als das Debüt und steht eine Weile sowohl in Deutschland als auch in Österreich auf dem ersten Platz, selbst in der Schweiz erhält Silbermond die Platinplatte. Silbermond wächst noch.

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