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Take That - Star Porträt


Wenn wir bis vor Kurzem über Take That redeten, dann über diese unglaubliche Zeit vor der Trennung, als Robbie Williams sich bereits abgesetzt hatte und verzweifelte Mädchen Selbstmord begehen wollten. Das sind die Jahre 1995-1996, in denen sich die Gruppe in der öffentlichen Wahrnehmung auf rätselhafte Weise von einer typischen Schrottcombo in bester New-Kids-on-the-Block-Tradition zu einer hochqualitativen englischen Popgruppe wandelte, die in Anziehungskraft und Bedeutung nur mit den Beatles vergleichbar schien. Das hat natürlich zusätzlich polarisiert, musste auch vielleicht aus therapeutischer Sicht sein, die Pädagogen ließen sich auf die Fans ein, es gab Sondersendungen, Rückblicke, Brennpunkte, Expertenrunden, Live-Übertragungen und immer wieder dieses Video, in dem der Robbie sich unter Teddys begraben lässt.

 

Während andere Boy- und Girlgroups einfach sang- und klanglos verschwinden, stellte man sich nach der Auflösung nicht die Frage, ob die einzelnen Bestandteile der Gruppe es mit ihren Soloprojekten schaffen, sondern wer das Rennen in den Charts gewinnt. Der Mädchenschwarm Mark Owen galt als heißer Kandidat, aber auch auf den musikalischen Kopf von Take That, Gary Barlow, wurde vielfach getippt. Der Querulant Robbie Williams war nicht unbedingt ein Favorit. Die Geschichte ist bekannt: während Barlow und Owen maximal zu Achtungserfolgen kamen, mauserte sich Williams zu einer Art Weltstar, der allerdings am amerikanischen Markt beharrlich scheitert.

 

Take That - Ganz früher

 

Take That entstand um 1990 herum. Die Boygroup startete als Idee eines Produzenten, und das war in jener Zeit für viele Musikhörer so ziemlich das Schlimmste, was man Musikern nachsagen konnte: die Idee eines Produzenten zu sein. 1990 war das Jahr, in dem sich herausstellte, dass Fab Morvan und Rob Pilatus von Milli Vanilli keine Sänger waren. Das Projekt war eigentlich nur eine Karaokenummer, die Idee von Produzent Frank Farian, auch deswegen war Produzentenmusik beschissen. Heute hat ja jeder Rapper einen Nebenjob als Produzent. Damals war das anders: ein Produzent war ungefähr so etwas wie ein Spielervermittler, eine windige Gestalt im Hintergrund, die nichts mit Kunst am Hut hat und immer nur an Profit denkt. Dann waren die frühen 90er auch noch die Zeit von Bands, die „richtige“ (das sagte man damals) oder „handgemachte“ Musik spielten. Trotzdem kann man sagen, dass Take That den Beginn der Ära großer Boy- und Girlgroups markieren, die ganz offensichtlich nach irgendwelchen Marktkriterien zusammengestellt worden sind und in ihrer Konzeption den klassischen Selfmade-Musikergenies und –Freundesbanden entgegenzustehen scheinen. Die Mitglieder von Take That trällerten Lieder, die zum übergroßen Teil nicht ihren Federn entsprungen sind und schafften es trotzdem, ihre Hörerschaft ungemein zu erweitern. Es sind am Ende eben nicht mehr ausschließlich die verliebten Mädchen, die das Geschäft tragen. Take That ist die Idee von Nigel Martin-Smith. Er ist in Manchester seit den frühen 80er Jahren bis heute als Produzent tätig, die Boygroup kann jedoch getrost als sein Lebenswerk (im Bereich Musik) betrachtet werden.

 

Take That - Die Besetzung

 

Nigel Martin-Smith ist also auf der Suche nach Talenten und findet Gary Barlow, einen 19jährigen, ungemein talentierten Pianisten, der bereits einige Jahre (also zwei) mit einem kleinen Programm im Großraum Manchester unterwegs ist. Barlow sieht zwar nicht gut aus, hat dafür jedoch eine Stimme mit recht hohem Wiedererkennungwert. Wenn es schon kompliziert ist, die Geschichte normaler Bands zu recherchieren, ist es bei solchen zusammengestellten Gruppen noch etwas komplizierter, da die Quellen von glühenden Verehrern wie leidenschaftlich Hassern stammen und eine Boygroup natürlich so eine Freundschaftssache entwickeln muss, zunächst jedoch wird die Genese zumindest zum Teil ausgedacht, man benötigt schließlich schnell was für die Veröffentlichungen. Das ist der Unterschied zu „richtigen“ Bands: die professionelle Infrastruktur besteht vor der eigentlichen Kapelle. Der geneigte Leser ist daher angehalten, sich vor jedem der folgenden Sätze ein „angeblich“ zu denken (gerne auch verächtlich).

 

Martin-Smith nimmt seinen Fang mit ins Studio. Dort arbeitet der 18jährige Mark Anthony Patrick Owen aus Oldham, ein begabter Fußballer und Entertainer, allerdings ohne Bühnenerfahrung. Moment. Einige schreiben, Barlow und Owen hätten in den Strawberry Studios in Manchester bereits gearbeitet, bevor Martin-Smith auf sie aufmerksam geworden sei. Woran sie arbeiten? Projekte. Owen gibt sich in den Studios dienstbar und verdient sich ein paar Pfund als – wir würden das „Typischer 400-Euro-Jobber“ nennen.

 

Der älteste der Gruppe ist Howard Paul Donald, eine Lackierer, Model, DJ und Tänzer, der nach dem vorläufigen Ende von Take That einigen Erfolg als House-DJ hat und dann gibt es noch Jason Orange, seinerzeit 19, Maler und Tänzer. Martin-Smith hatte damit einen Musiker, einen Hübschen und zwei Tänzer. Ihm fehlte noch jemand mit Entertainerqualitäten. Wie er auf den 16jährigen Kneipierssohn kommt, ist nicht überliefert. Die Geschichte wird normalerweise aus der anderen Perspektive erzählt. Die Mutter von Robert Peter Williams entdeckt das Inserat von Martin-Smith und nötigt ihren Sohn, der bereits hinter und auf dem Tresen einige Erfolge feiern konnte, zur Teilnahme am Casting.

 

Take That - Could it be Magic?

 

Erstmal läuft es nicht. Die Singleauskopplungen aus dem ersten Album „Take That & Party“ von 1992 zeigen genau, wann der große Hype beginnt, da sie, völlig untypisch für die Singles gewöhnlicher Alben, plötzlich die Plätze in den oberen Regionen der Charts einnehmen. „It Only Takes A Minute“, eine Disco-Nummer aus den 70ern, ist die Initialzündung.

 

Erst das zweite Album „Everything Changes“ (1993) ist in ganz Europa in den Top 10, das 95er-Album „Nobody Else“ ist etwas, was man getrost einen Welterfolg nennen kann, „Back For Good“ aus der Feder Gary Barlows der allergrößte Hit. Die Gruppe ist zu diesem Zeitpunkt so verkaufsstark wie kaum eine andere englische Band zuvor, egal wo sie hintourt, fallen die Fans um, kreischen und legen den Verkehr lahm. Lady Diana wird zum Fan, Elton John trifft sich mit den Jungs auf Augenhöhe.

 

1995 freundet sich Robbie Williams für eine Nacht mit den Gallaghers von Oasis an und beschließt, Take That zu verlassen. Ein weiteres Jahr hielt der Rest noch zusammen, danach begab man sich auf recht unterschiedliche Solopfade.

 

Take That - Everything changes but you

 

Seit 2004 sind jene, die die Tür im Sommer 1996 schlossen, wieder mit gemeinsamen Projekten beschäftigt. 2005 erscheint „Never Forget – The Ultimate Collection“, das zweite Best-Of-Album und lediglich in England ein richtiger Erfolg. Erst die Produktion einer Dokumentation, soll die Musiker motiviert haben, noch einmal zu touren – und dabei zeigte sich, dass, und das ist nun wirklich ungewöhnlich, die richtigen Fans nur darauf gewartet zu haben scheinen. Auf den Erfolg der Tour 2006 folgt der Entschluss, noch einmal ins Studio zu gehen und die Härte der Fans zu testen, beziehungsweise ihre Akzeptanz, dass es so etwas wie musikalische Fortentwicklung gibt. 2006, 10 Jahre nach der Trennung, veröffentlicht Take That „Beautiful World“. Die Band präsentiert gut produzierten Pop, selbstironisch und manchmal sogar recht verspielt geben sich die nicht ergrauten, aber irgendwie altersweisen Herren nicht mehr so athletisch. Es wird nicht mehr so viel gehüpft. Das riecht ein bisschen nach Fortsetzung.

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