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The Prodigy - Star Porträt


Was wären die 90er Jahre ohne The Prodigy? Um einiges ärmer, vielleicht auch eine mittelschwere Katastrophe ... Wir gehören nicht zu denen, die zeit- oder musikgeschichtliche Relevanz zu bestimmen versuchen, wissen aber, dass die 90er Jahre das Jahrzehnt waren, in denen elektronische Tanzmusik einen Teil des Mainstreams übernimmt. Und der Mainstream sucht sich seine Stars meist nach Biegsamkeit, Gefälligkeit, Nuttenhaftigkeit und natürlich Geschmacklosigkeit aus – und The Prodigy erreicht den Mainstream in einer – für den aus dem Erreichen resultierenden Erfolg – auffällig borstigen Art, wie eine Botschaft aus dem Untergrund, wir haben uns damals wohlig gegruselt. The Prodigy vermag viele Leute davon zu überzeugen, dass elektronische Tanzmusik, man spricht von Breakbeats, Big Beat, Dance Punk und das sind nur die gebräuchlichsten Begrifflichkeiten, nicht nur etwas für runde Geburtstage, Ballermänner und total verstrahlte Menschenmassen ist … Experten sagen, The Prodigy komme aus der Techno- und Acidgedönsecke, gehe dann über Breakbeats und Drum´n´Bass zum Big Beat, habe aber immer auch Punk im Blick. Und Hip-Ho… Andere sprechen von Rave, Hardcore und Industrial zum Big Beat, dann wiederum andere von Electronic Rock mit Punk zusammen – diese Genresachen können einen fertig machen.

 

Wer das liest, bekommt eine Ahnung davon, dass sich die Sache wild verhält, technoid, aber irgendwie nicht eingrenzbar – genauso wenig wie die Verkaufszahlen zeitweise keine Grenzen zu kennen scheinen. Ist auch vollkommen egal. Wichtig ist, dass The Prodigy 1990 von Liam Howlett in Essex, einem Ort namens Braintree, gegründet wird. Eigentlich bastelt sich Liam Howlett zunächst daheim ein Demo und XL Recordings (ein sehr interessantes Label, schaut da mal vorbei) veröffentlicht dann die 12“ „What Evil Lurks“ Anfang 1991. „What Evil Lurks“ muss so etwas wie die musische Agenda von Prodigy sein, noch heute wirkt der Track beinahe aktuell und The Prodigy ist sofort zu erkennen.

 

The Prodigy – Experience

 

Einige Monate später tritt The Prodigy erstmals live auf, Liam Howlett hat seine Tänzer Keith Flint und Leeroy Thornhill im Gepäck, außerdem gehört der MC Maxim Reality bald zur Gruppe. Flint, typisches, aber extremes Modell eines Ravers jener Jahre, wird später als Sänger (oder Shouter) von The Prodigy so etwas wie das Gesicht der Gruppe, für Thornhill gilt im Grunde dasselbe, abgesehen davon, dass er einen guten halben Meter größer als Flint ist, nicht zum Gesicht von The Prodigy wird und 2000 aussteigt. Den ersten Hit hat The Prodigy in England und Irland mit der Single „Charly“ ab August 1991, populär aufgrund eines Samples aus „Charley Says“, einer animierten britischen Früherziehungslehrserie, die Kinder auf Gefahren im Alltag aufmerksa… „Der 7. Sinn“ als Cartoon im Grunde.

 

Es dauert noch ein knappes Jahr, bis das Debüt „Experience“ veröffentlicht wird, in England wird es später als Oldskool Rave oder Breakbeat Hardcore bezeichnet, dazu gehören auch „Everybody In The Place“, „Fire/Jericho“, „Wind It Up (Rewound)“ weitere Singlecharterfolge – und „Out Of Place“, der Hit für die Ewigkeit. The Prodigy sampelt dafür „I Chase The Devil“ von Max Romeo, einem alten Reggaehelden. Zu den vielen Ähnlichkeiten, die die britische und deutsche Gesellschaft haben, gehört das Problem, das der wortgewaltige Underground mit Charterfolgen hat. Natürlich wird Liam Howlett der Erfolg vorgeworfen, alte Fans wenden sich ab, The Prodigy wird zu allem Überfluss auch noch vergleichsweise früh von MTV gefördert – den Kontakt zum „Underground“ verliert die Gruppe indes nicht gänzlich.

 

The Prodigy – Music For The Jilted Generation

 

Das mag daran liegen, dass „One Love“, die erste Veröffentlichung des nächsten Albums „Music For The Jilted Generation“, zunächst über ein White Label, quasi als Bonbon für Musikspezialisten, veröffentlicht wird (das gehört inzwischen zum guten Ton), vielleicht auch daran, dass es Anfang der 90er Jahre eine absurde konservative politische Agitation gegen die Ravekultur in Großbritannien unter John Major gibt (was natürlich zusammenschweißt); wahrscheinlicher ist, das The Prodigy einfach zu den Musikgruppen gehört, die ein Platz in beiden Welten hat. Oder in drei Welten? „One Love“ landet jedenfalls auf dem Soundtrack zu „Hackers – Im Netz des FBI“ mit Angelina Jolie und Marc Anthony.

 

„Music For The Jilted Generation“ steigt direkt auf Platz 1 der britischen Charts ein, in weiten Teilen Europas wird The Prodigy begeistert angenommen – und das ist erst der Anfang. Mit Jim Davies holt man einen Live-Gitarristen ins Team, im Frühling gibt es „Firestarter“ und den ersten Track mit Keith Flint als Sänger, das erste Lied des nächsten Albums und den weltweiten Durchbruch.

 

The Prodigy – The Fat Of The Land

 

Das Album heißt „The Fat of The Land” und wird im Sommer 1997 veröffentlicht. „Breathe“ und „Smack My Bitch Up“ sind weitere Megahits, nun steigen auch die US-Hörer ein. Während das Album von The Prodigy in 22 Ländern auf Platz eins steht, gibt es um Text und Video zu „Smack My Bitch Up“ einigen Rummel. In Großbritannien beschäftigen sich Parlamentarier damit, das Label wird von irgendwelchen Interessenvertretungen bedrängt und das Video wird nur nachts im TV gezeigt. Aus heutiger Sicht ist das schwer zu verstehen, das Video ist exquisit gemacht und hat absolut nichts Anstößiges.

 

Anfang 1999 veröffentlicht Howlett das Mixalbum „The Dirtchamber Sessions Volume One“, für Leute seines Kalibers dienen diese „Mixtapes“ als Audiobiographie oder persönliches Manifest, sind frei von irgendwelchen Zwängen, die das Gruppenzwangprogramm haben, und in diesem Fall macht das unglaublich viel Spaß. The Prodigy löst sich in den folgenden Jahren aus der üblichen Single-Album-Tour-Überraschung-Folge, die bei Popstars bis heute (aus absolut nicht geklärten Gründen) üblich ist. 2002 wird mal eine Single, die maßgeblich von Flint erarbeitet ist und „Baby´s Got a Temper“ heißt, eingestreut,

 

The Prodigy – Always Outnumbered, Never Outgunned

 

… im Sommer 2004 wird das Album „Always Outnumbered, Never Outgunned” veröffentlicht. Eine ganze Weile bereits setzen Musiker generell nicht mehr so viele Alben ab, The Prodigy steigt zwar immer noch in etlichen Ländern in die Top 10, aber nicht mehr ganz so lang so hoch wie zuvor. Es beginnt der Downloadangebotexperimente, The Prodigy ist mit dabei. Von biederer Gewöhnlichkeit ist dagegen „Their Law: The Singles 1990–2005”, eine Art Best-of-Prodigy-Album, das im Herbst 2005 erscheint. Dafür kann man es sich gut anhören, Kaufanreiz sind einige ungewöhnliche Remixes, ferner werden gelegentlich die ersten beiden Alben neu gemastert wiederveröffentlicht.

 

Im Februar 2009 wird dann „Invaders Must Die“ auf den Markt gebracht, das fünfte Studioalbum. Dave Grohl hat sich an der Studioarbeit beteiligt, die Sängerin Amanda Ghost, der große Hit heißt „Omen“ – wobei fragwürdig ist, ob man noch von großen Hits reden kann. Dabei ist die Arbeit eine durchaus solide – für eine real existierende Legende.

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