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Bob Marley


Bob Marley ist ein komplizierter Fall. Irgendwann einmal von den einen verklärt, von anderen verkannt, greift keinesfalls zu hoch, wer ihn zu den einflussreichsten Musikern überhaupt zählt. Das macht inzwischen jeder, weshalb das ab-so-lut kein Vergnügen mehr bereitet. Bob Marley ist einfach superberühmt, hat den Reggae von seinen Anfängen an begleitet, viele Orte, an denen er war, Personen, die mit ihm in Kontakt getreten sind, sind selbst dadurch zu Legenden geworden, das Konterfei des Künstlers ist eines der wichtigsten Bilder der Popkulturen überhaupt, die Farben, Jah, Rastafari, Ganja, alles ist irgendwie – zumindest bei uns – zu einer vergnüglichen Suppe verkommen …

 

Bob Marley ist so berühmt, dass Kontroversen, die seine Person einmal ausgelöst hat, wie Seifenblasen zerplatzt sind, und da der Mann tot ist, kann er auch von jenen vereinnahmt werden, von denen er sicher nicht gerne vereinnahmt worden wäre - wobei er natürlich als gläubiger Mensch immer auch vermittelnde Rollen ... Jede Subversivität ist verflogen, inzwischen begehen selbst erzreaktionäre Politiker Jamaikas den Todestag des Künstlers – immerhin ist Bob Marley ein Magnet für den Fremdenverkehr: Prinz Charles und seine Camilla besuchen das ehemalige Wohnhaus Bon Marleys und schlagen ein wenig belämmert auf Bongos. Es ist sehr bedauerlich, dass uns Bob Marley nicht geblieben ist. Er fehlt.

 

Robert Nesta Marley kommt im Februar 1945 als Sohn der jungen Cedella Booker und des englischen Offiziers Norman Marley zur Welt. Nach dem Tod des Vaters zieht die Mutter Ende der 50er Jahre mit ihrem Sohn nach Trenchtown, einem Ghetto der jamaikanischen Hauptstadt Kingston. Hier kommt er, ein wohl erzogener, protestantischer Junge, mit moderner Musik in Kontakt, wird zum begeisterten Hörer des US-Radios und lernt mit Neville O´Reilly Livingstone (Bunny Wailer)und Peter McIntosh (Peter Tosh) nicht nur zwei Säulen seiner späteren Band kennen, sondern auch gleich zwei weitere Lichtgestalten des Reggaes.

 

Ska ist die Inselmusik der Stunde, Bob Marley lernt über Jimmy Cliff (noch so eine Legende) einen Produzenten kennen, mit dem er, gerade einmal 16 Jahre alt, erste Singles einspielt. Das fruchtet jedoch nicht und so findet sich eine erste Besetzung der Wailers, zunächst Rudeboys, dann Wailing Wailers genannt. Im Kern aus Bunny Wailer, Peter Tosh und Bob Marley bestehend, hat die Ska-Formation beim Label Coxsone mit „Simmer Down“ schließlich ihren ersten kleinen Hit auf der Insel.

 

Nach etlichen weiteren Aufnahmen und der Hochzeit mit Rita Anderson Anfang 1966 zieht Bob Marley seiner Mutter in die USA hinterher. Er arbeitet bei Chrysler am Fließband, verliert den Job, soll für die USA in irgendeinen Krieg und geht schließlich zurück nach Jamaika. Bob Marley ist nun Rastafari, der christlichen Abspaltung beigetreten, die hierzulande vorwiegend dadurch bekannt ist, dass ihre Mitglieder kiffen, verfilzte Zöpfe tragen und – äh – kiffen. Tatsächlich gibt es ein bisserl mehr, da wäre zum Beispiel der Kampf um die Rechte der Schwarzen, darüber hinaus gebiert die Religion den sogenannten Panafrikanismus, eine Sache, für die Bob Marley, der sie in eine Reihe berühmter Formeln verpackt, von Jamaika aus durch seine Lieder zur grenzübergreifenden Stimme wird.

 

Für uns Europäer ist es oft ein bisschen schwer, zu verstehen, dass etwas, eine Message zum Beispiel, nicht primär an uns gerichtet ist; noch komplizierter wird es, wenn die Message in Teilen unserer eigenen Populärkultur Fuß fasst. Egal. Bob Marley kehrt auf die Insel zurück, schließt sich wieder mit seinen alten Kollegen zusammen und nennt sich und sie nun Wailers. Auch auf der Insel hat sich einiges getan, musikalisch geht es behäbiger zu, Rocksteady nennt sich die Musik der Stunde, die Vorstufe zum Reggae.

 

Bob Marley – Wailers

 

So etwas kommt bei den Entscheidern immer zuletzt an, daher müssen sich Bob Marley und seine Wailers eine neue Plattform schaffen. Zunächst versuchen sie es mit einem eigenen Label, schließlich haben sie das Glück, auf Lee „Scratch“ Perry (noch eine Legende) zu treffen. Die Wailers spielen erste Klassiker, etwa „Soul Rebel“ oder „Small Axe“.

 

1970 stoßen die Barret-Brüder Aston und Carlton zu den Wailers, die nun und in der Form in ihr großes Jahrzehnt eintauchen. Noch karibische Stars, zieht Bob Marley nach Europa und unterschreibt, nachdem seine Wailers hinterhergekommen sind, in England bei Island Records. „Catch A Fire“ heißt das internationale Albumdebüt 1972, „Stir It Up“ ist aus jener Zeit. 1973 tourt Bob Marley mit den restlichen Wailers durch die USA, spielt vor Bruce Springsteen und ein Radiokonzert in San Francisco. Ebenfalls 1973 entsteht mit „Burning“ das Album, auf dem „I Shot The Sheriff“ ist, Eric Clapton nimmt eine eigene, sehr erfolgreiche Version davon auf.

 

Bob Marley & The Wailers

 

Peter Tosh und Bunny Wailer scheiden Mitte der 70er Jahre aus der Band aus, Eifersüchteleien, wird geunkt, sind ausschlaggebend für diese Entscheidung. Die Band tritt nun als Bob Marley & The Wailers auf, der nun alleinige Chef produziert fortlaufend in einem hohen Tempo, 1975 ist es „Nutty Dread“ mit dem Superhit „No Woman No Cry“. 1976 werden Bob Marley und seine Familie in eigenen Haus überfallen und beschossen, verletzt tritt Marley unmittelbar danach auf einem Benefiz-Konzert auf.

 

So ist er halt: ein begnadeter Redner, der gerne aus dem alten Testament zitiert, ein passabler Fußballer, einer, der mit einer ungeheuerlichen Energie die wenigen Jahre lebt, die ihm noch bleiben – und der kurz vor seinem Tod ein weiteres Mal de Religion wechselt (er tritt der orthodoxen Kirche Äthiopiens bei). In seiner Entourage soll extra einer dafür zuständig sein, die Tüten für den Meister zu drehen. Bob Marley besingt Marihuana, erzählt aus seinem Leben – und besucht Ende der 70er Jahre einige ostafrikanische Länder (darunter Äthiopien und Zimbabwe). Bob Marley schriebt Lieder wie „Africa Unite“ und „So Much Trouble In The World“, die Popularität wächst – „Exodus“ (1977) kann eventuell als künstlerischer Zenit bezeichnet werden.

 

Mit „Uprising“ liefert er 1980 noch ein wunderschönes Album (z.B. mit dem „Redemption Song“), bevor in seinem Körper Krebs diagnostiziert wird. In München unterzieht er sich einem Naturheilverfahren, das seine Wirkung verfehlt – Bob Marley stirbt auf der Heimreise in Miami im Mai 1981. Damit beginnt die Geschichte der Legende, deren viele Söhne die Arbeit nach bestem Wissen fortzuführen suchen, deren Frau eine umsichtige Verwalterin des Erbes ist, einer Legende, die posthum immer wieder Material veröffentlicht, um deren richtige Begräbnisstätte unwürdig debattiert wird, deren Leben bald aufwändig verfilmt wird, die das Bild Jamaikas bis heute bestimmt …





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