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Die Ärzte gibt es mindestens zweimal, einmal in den 80ern und einmal danach; eigentlich gibt es sie sogar dreimal, in der Urformation mit dem Bassisten Hans „Sahnie“ Runge, in einer legendären, aber kurzen Phase mit Hagen Liebing und nach der Pause zwischen 1989 und 1993 mit Rodrigo González, dem ersten, wirklich dritten Mann in der Formation von Bela B. und Farin Urlaub.
Genau genommen muss man die Berliner Gruppe sehr viel differenzierter betrachten. Aus einer der Berliner Punkrockszenen findet sich die Band, um, man muss es vielleicht deutschsprachigen, lustigen Punkrock nennen, zu spielen. Die Ärzte zeichnen sich bis heute durch raffinierte Textarbeit aus, die Deutschlehrerinnen glücklich machen kann. Die Band erarbeitet sich schnell einen guten Ruf, ein großes Publikum, Auftritte, Anerkennung und einen ordentlichen Plattenvertrag. Sie sind Teil dieser deutschen Wellenzeit, deren Liebhaber die Musik immer so verzweifelt in gute und schlechte Wellen zu unterteilen suchen. Diese Phase endet mit dem erbärmlichen Kinofilm „Richie Guitar“ (mit Nena) 1985.
Wenn etwas Die Ärzte auszeichnet, dann vielleicht, dass es kaum einem Sehenden möglich ist, sie uneingeschränkt zu lieben. In einer zweiten Phase wird die „Beste Band der Welt“ geboren. Ab Mitte der 80er gründet sich der Mythos, dem nach einer Kunstpause der große kommerzielle Wurf folgt. Die Ärzte provozieren die bescheuerte Zensur, die es in der BRD ja nicht gibt, und die bescheuerte Zensur zeigt, wie bescheuert sie ist. Wegen harmloser, aber dreckiger Liedchen werden Behörden aktiviert, wird Empörung inszeniert und gelenkt. Die Musiker finden Gefallen am Erfinden indizierungswürdiger Lieder, es kommt zu einer Orgie von Verbots- und Strafanträgen, Missachtungen, kontrollierten öffentlichen Auftritten, einem Katz- und Mausspiel, bei dem Die Ärzte immer klüger aussehen als die Ordnungsmacht und das in einer fulminanten Kompilation mit dem Titel „Ab 18“, mit allen bis zu diesem Zeitpunkt verbotenen Stücken, mündet, nicht endet.
Die Bandgeschichte endet zunächst mit der sogenannten Wiedervereinigung, einem Ereignis, das die Gruppe in die Wege geleitet hat. Die nächste wichtige Phase, die mit der Neugründung 1993 beginnt, zeichnet sich dadurch aus, dass die Musiker gereift sind, auf der richtigen Seite stehen, ihre großen Fressen behalten haben, sich neue, junge Fans erspielen (wozu sie in der Folge immer wieder fähig sind) und für diese neuen Hörer ein spannendes Forschungsfeld sind. Die Früchte von „Ab 18“, aus einer finanziell sicher schwierigen Zeit, werden jetzt geerntet.
Inzwischen sind „Die Ärzte“ deutsche Folklore. Selbst die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nimmt ihre früheren Urteile zurück und behauptet das Gegenteil von dem, was einst Programm war. Die Band gilt als außergewöhnlich gutes Live-Paket, zum Geburtstag kommen viele tausend Menschen. Sie spielt mit La Vela Puerca in Deutschland, lässt sich nach Südamerika einladen, pfeift hoffentlich darauf, dass manchmal irgendwelche Ochsen irgendeine vermeintlich zu weit gehende Kommerzialisierung anprangern und macht ihre Sache als – nun ja – Punkband in einer Zeit, in der auch der idealistischste Ansatz einfach geschluckt wird, eigentlich ganz gut.
Die Ärzte - damals
Der Legende nach entsteht die Band im Konflikt um genau diese und andere existenzialistischen Fragen des Punks: „Verkaufen wir uns nicht?“, „Willst du werden wie Nena?“, „Willst du wirklich immer Hippie bleiben?“ Dirk Albert Felsenheimer, der Bela B., ein Spandauer Junge mit einem ausgeprägten Hang zum Horror, zu Comics und mehreren abgebrochenen Ausbildungen (Polizei, Hertie, Damenmodendekorateur) ist als Schlagzeuger Mitglied der Punkrockgruppe Soilent Grün. Ab 1980 spielt an seiner Seite der Gitarrist Jan Ulrich Max Vetter, der Farin Urlaub, der gerade die Oberstufe besucht, eine Discobekanntschaft Felsenheimers, die den Gitarristen ersetzt, dem die Gitarre geklaut worden ist.
Bela und Farin gehören noch zu den Punkern, die nach einem England-Besuch in den späten 70ern einfach welche sind. Sie wollen jetzt albern sein, das führt zu Differenzen innerhalb der Band, die sich 1982 auflöst. Gemeinsam mit dem Bassisten der Gruppe Frau Suurbier, Hans „Sahnie“ Runge, gründen die beiden Die Ärzte. Lieder wie „Vollmilch“, „Zum Bäcker“ und „Eva Braun“ entstehen, letzteres ein ab den späten 80ern nicht mehr gespieltes, nie veröffentlichtes Lied, das Teile des Publikums mitunter zum leeren Blick und erhobenen rechten Arm animiert. Berlin ist schön in dieser Zeit. Die Stadtoberen geben sich schizophren, schicken prügelnde Polizeitrupps und schreiben Senatsrockwettbewerbe aus. Die Ärzte gewinnen einen und spielen in einem der besetzten Häuser. Mit „Uns Geht´s Prima“, entsteht das erste Ausrufezeichen, und zwar ein dickes. Vor allen Dingen die in erster Linie von Farin Urlaub gestaltete B-Seite mit „Sommer, Palmen, Sonnenschein“, „Teenager Liebe“ und „Der Lustige Astronaut“ gehört zu dem, was man über Die (frühen) Ärzte wissen sollte.
Columbia Records nimmt die Musiker unter Vertrag, das Debütalbum „Debil“, das aus einer Mädchen- und einer Jungenseite besteht, erscheint 1984, enthält neben „Zu Spät“ die Lieder „Claudia Hat ´nen Schäferhund“ und „Schlaflied“, und gerät 1987 in die oben erwähnte Indizierungsorgie. Zunächst wird die Gruppe von der Bravo entdeckt und gefördert, erspielt sich ein begeistertes Live-Publikum, ist bereit für den ganz großen Wurf, muss dafür jedoch den intriganten Bassisten loswerden. Der wird ein guter Betriebswirtschaftler und lässt sich die Rechte für einen heute erbärmlichen Betrag abkaufen.
Während „Im Schatten Der Ärzte“ 1985 noch mit Sahnie entsteht (viele gute Lieder), nehmen Bela und Farin „Die Ärzte“ 1986 (viele gute Lieder) zu zweit auf. Das Stadtjugendamt Essen macht mit einem Antrag gegen „Geschwisterliebe“ den für die Indexsache im Dezember 1986 wichtigen Anfang. Es regnet Verbote, der Band wird das Singen einiger der Lieder untersagt, man holt sich den Bassisten Hagen Liebing an Bord. Mit ihm wird am Benefizkonzert für Norbert Hähnel im Berliner Tempodrom teilgenommen, der ins Gefängnis muss, weil er als „Der wahre Heino“ auftritt. Der neue Bassist ist ein engagierter junger Mann, vielleicht wiederum zu bewusst Punker für die anderen beiden. 1987 erscheint das bereits erwähnte „Ab 18“, mit dem wunderbaren „Helmut K.“, das einem nach dem Selbstmord Hannelore Kohls irgendwie unpassend erscheinen muss … „Ab 18“ wird selbstredend indiziert. Auf der Höhe ihres Ruhmes, 1988, machen die Musiker mit „Das Ist Nicht Die Ganze Wahrheit …“ das Licht aus. Sehr stilvoll, mit ihrem bis dahin größten Hit „Westerland“, vielen weiteren guten Liedern und „Nach Uns die Sintflut“, einem opulenten Live-Werk, beschließt die Gruppe, sich zu trennen. Bela und Farin versuchen es noch einmal, lassen es dann jedoch sein.
Die Ärzte - danach
1993 kehrt die Band mit „Die Bestie In Menschengestalt“ zurück. Als Bassist ist nun Rodrigo „Rod“ González dabei, der zuvor mit Bela bei Depp Jones spielt, der Band des Schlagzeugers in den Jahren ohne Die Ärzte. Mit Universal meldet sich ein Label auf eine Anzeige als Partner, eigentlich gibt es sehr viele neue Partner, Die Ärzte treffen mit „Schrei Nach Liebe“ einen wichtigen Nerv der Zeit, und das zahlt sich aus.
Die Band gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen überhaupt. Es gibt Fanclubs, Kinder, die Merchandising-Produkte durch die Gegend tragen, autorisierte Biografien, nicht autorisierte Biografien, für jeden der Künstler diverse Einladungen zu Neben-, Zusatz- und Sonstauchnochprojekten. Die Ärzte haben immer ein Auge auf ihre Hörer, füttern sie mit Zusatzmaterial („5,6,7,8 – Bullenstaat“ – nur auf der Tour zu haben), geben Geheimkonzerte, verschenken ihre Produkte an die Wähler in der Schweiz, die nicht für die sogenannten „Rechtspopulisten“ stimmen. Mit „Planet Punk“ bastelt sich die Band ein kleines Denkmal der Eigenwilligkeit (viele gute Lieder), das 1995 erscheint, und setzt mit „Le Frisur“, einem Konzeptalbum (v.g.L.), noch einen drauf. Die Souveränität der Musiker ist bestechend. Sie bedienen sich in etlichen Musikgenres, zeigen sich experimentierfreudig, albern und damit immer wieder erstaunlich erfolgreich. „Männer Sind Schweine“, 1998 auf „13“ (v.g.L.) veröffentlicht, landet direkt in mehreren Ländern auf Platz eins der Charts. Mit „Runter Mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!“ (v.g.L.) und dem Live-Album „Satanische Pferde“ (v.v.g.L.) erscheinen auch 2000 sehr erfolgreiche Arbeiten. So geht es weiter: ein Unplugged-Album 2002, ein Doppelalbum 2003 namens „Geräusch“ (v.g.L.), danach konzentrieren sich die Musiker verstärkt auf Soloaktivitäten und im November 2007 erscheint das Album „Jazz Ist Anders“ (v.g.L.). |
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