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Gentleman


Der Osnabrücker Tilmann Otto kommt am 19.04.1975 zur Welt. Er ist eigentlich ein ganz normaler Junge, fällt jedoch in seiner Jugend einen folgenreichen Entschluss. Während seine Altersgenossen schmusen und so, zieht es ihn nach Jamaika. Es gibt fast in jeder Klasse, zumindest in jeder Stufe jeder Schule jemanden, der vom Reggae infiziert ist, jemanden, der absolut und überall immer Reggae hören will, der die Welt dieser Musik für sich entdeckt, und, je nach Typ, sortiert, sammelt, illegal brennt, ausschließlich kauft, auswendig lernt, damit nervt – und ganz wenige zieht es zur Wurzel des Reggae, auf die Bühnen Kingstons. Zu denen gehört Tilmann Otto.

 

Er ist 17 Jahre alt, fühlt sich pudelwohl, lernt Patois, die Sprache der Insel und der Musik, die Kultur, die gesellschaftliche und kulturelle Basis recht gut kennen, das, was man vielleicht als Lebensrhythmus bezeichnen kann, Jah, die Energie, die Zusammenarbeit – und den Umgang mit Texten. Er gehört selbst an das Mikrofon. Bereits mit dem frühen Pow Pow Movement in Köln hat er sich austesten dürfen, nun tritt er vor scharf urteilenden Vollprofis auf.

 

Er nennt sich Gentleman, und hat – zumindest hierzulande – einen unverkennbaren Style. Wütend wie befreiend, energetisch, schnell und meist sympathisch gesellschaftskrittelnd. Es sind Gesellschaftsentwürfe, die er bespricht, das Leben außerhalb unseres Systems hilft ihm, einen Überblick über die Macken zu bekommen. Seine nächsten Schritte auf der Bühne macht er auf Jamaika, und auch hier macht er Leute verliebt, bevor er nach Deutschland zurückkehrt.

 

Roots Reggae, und um den geht es hier, hat im deutschsprachigen Raum nicht gerade ein stabiles Fundament. In Köln ist da noch vergleichsweise viel auf die Beine zu stellen, war die Stadt lange Zeit sogar die heimliche Popmusikhauptstadt, bleibt ihr weiterhin der Titel als wichtigstes Reggaezentrum im Herzen der Fans. Summerjam, Silly Walks und Pow Pow Movement, hier lässt es sich arbeiten.

 

Ins Ohr einer breiten Hörerschaft gelangt er durch einen kleinen Umweg. Er gehört zum Freundeskreis von Freundeskreis, der Hip-Hop-Kolchose aus Stuttgart um Max Herre, die Ende der 90er Jahre einige erstaunliche Erfolge feiern kann. Auf dem Track „Tabula Rasa“ ist es Gentleman, der der mitunter recht verkopften und trägen Geschichte den nötigen Drive gibt. Zumindest seine Stimme ist schon einmal dort, wo sie hingehört: in den Charts.

 

Trodin On

 

Wo wir schon mal hier sind… Gentleman unterschreibt einen Kontrakt bei Four Music in Stuttgart und beginnt an der Arbeit seines Erstlings. Hierfür zieht er durch die Studios auf Jamaika, trifft alte Kollegen, lernt neue kennen; ohnehin scheint die Sache mit der Labelzugehörigkeit, dem Status als Solokünstler oder Bandmitglied, Kontakt und Vorbereitung für und Durchführung der Kollaborationen nicht ganz so kompliziert zu verlaufen wie hierzulande – da treffen Vorurteile mal den Nagel. Nach Gentleman läuft vieles über den Test, den Versuch, ob es passt – und es gibt auch immer die Möglichkeit, dass es eben nicht klappt, ohne dass ein Schuldiger gesucht wird oder eine Firmenpleite droht. Mit Richie Stephens klappt es zum Beispiel und mit Terry Linen auch. Neben der Sologeschichte darf Gentleman weiter zum Freundeskreis gehören, das ergänzt sich prima, da er an den folgenden Produktionen teilhaben kann, auf der großen Esperanto-Tour gebraucht wird und den Leuten seine eigenen Sachen vorstellen darf.

 

Für ein Roots-Reggae-Album aus Deutschland ist der 59. Platz in den Charts Deutschlands sicherlich nicht so schlecht. Besser ist noch, dass Gentleman auch auf Jamaika veröffentlicht wird und Beachtung findet. Das hebt ihn nachprüfbar ab von all den schlechten Imitaten, die sonst noch gerne durch die Charts geistern – der Klang allein ist schließlich Geschmack und Gefühl.

 

Gentleman - Journey to Jah

 

2002 erscheint “Journey to Jah”, wiederum gespickt mit Musikergrößen von der Insel, etwa Capleton, Bounty Killer und Junior Kelly. Der Erfolg der vorab veröffentlichten Single lässt eine aufgeregt wartende Hörerschaft erahnen, Gentleman benötigt eine neue Live-Crew – und findet die Far East Band aus Berlin bzw. Leipzig.

 

Es kommt zur umjubelten Tour, in der Folge beschenkt er seine Fans mit der EP „Runaway“, dem Doppel-Live-Album „Gentleman and the Far East Band“ (2003) zum Nachhören und die Live DVD zum nachgucken. „Dem Gone“ ist 2002 einer der besseren Sommerhits, allein dafür muss man den Musikern dankbar sein.

 

Gentleman - Confidence

 

Gentleman macht wieder rüber. Erholung und Inspiration sind eins. 2004 erscheint „Confidence“, ein weiterer Schritt nach oben. Das Konzept bleibt dasselbe, er wächst in seinem Style; beträchtlichen Anteil daran, dass es nicht langweilig wird, haben die wechselnden Kooperationen. Dieses Mal sind es zum Beispiel Tony Rebel, Cocoa Tea, Anthony B. und Barrington Levy. Das Album ist ausgesprochen homogen, von hoher Qualität, die Tracks gehen nicht einfach ins Ohr, sondern müssen vom Hörer erarbeitet werden – und das eigentlich Verrückte: das Ding landet auf Platz eins der deutschen Charts.

 

Da regt man sich jahrelang über die Musikhörer auf, vergleicht sie mit einer Rinderherde, deren Hüter die Musikindustrie – und dann beweist dieser Gentleman, dass jede Theorie, die man sich so zurechtgelegt hat, irgendwie nicht stimmen kann. Die Leute sind doch nicht so blöd. Oder ist das auch wieder nur eine Finte? Wie dem auch sei – Gentleman hat Erfolg, wenn auch bisher lediglich im deutsch- und patoissprachigen Raum.

 

Zunächst macht er das, was man in seinen Kreisen macht, weil es sich so gehört und weil dadurch gute Musik entsteht: er kollaboriert mit unbekannten, jungen Künstlern und hilft ihnen auf die Beine. Zum Beispiel gibt er Campino Gesangsstunden und zeigt, was aus „Guns of Brixton“ werden kann, er greift Pink für die Single „U + Ur Hand“ unter die Arme, damit die Fans mit „Crash and Burn“ wenigstens eine Überraschung hören, wenn sie ihr Taschengeld – und er trifft auf Mustafa Sandal, um mit dem und „Isyankar“ 2004 noch einen weiteren Top-10-Hit zu produzieren.

 

Gentleman - Another Intensity

 

Wenn Echos und EinsLive-Kronen wichtig sind, hat Gentleman bis 2005 eigentlich alles erreicht. 2006 zieht er mit dem obligatorischen eigenen Label nach (Bushhouse Records) und 2007 soll das gelingen, was vielleicht noch fehlt: die Eroberung der Welt. „Another Intensity“ wird in 16 Ländern veröffentlicht, zu denen auch die USA und Japan zählen. Sizzla hat mitgewirkt, der hat auch noch bitter gefehlt in der großen Duett-Liste und es werden Hip-Hop-Beats verarbeitet und der Soul Diana Kings – das mag dem ein oder anderen auch gefehlt haben.





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