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Mal wieder ein wichtiger, vergleichsweise unbekannter Künstler aus den USA: Gil Scott-Heron. So wichtig, dass er nicht selten als Legende bezeichnet wird, so unbekannt, dass er niemals in irgendwelchen unsäglichen Ranglisten des deutschen Fernsehens auftauchen würde. Das mit den Ranglisten scheint nur aus der Luft gegriffen, es kann jedoch Qualitätsmerkmal eines berühmten Zeitgenossen sein, wenn er nicht in einer dieser Sendungen vorkommt, die folgendermaßen funktionieren (egal ob sie „Unsere Besten“ oder „Die unerträglichsten … aller Zeiten“ heißen): eine Konserve wird aus dem Regal geholt, geöffnet und lustvoll gegen eine Wand geworfen. Das passiert Gil Scott-Heron nicht, obwohl viele seine Musik, ohne ihn direkt zu erkennen, seiner Stadt und einem seiner großen Jahrzehnte zuordnen können: New York, 70er Jahre.
Gil Scott-Heron – The Revolution Will Not Be Televised
Er ist natürlich eher Poet als Musiker, vielleicht auch einfach zu politisch, zu kontrovers in seinen politischen Ansichten, wobei er spürbar recht hat mit seinen kontroversen politischen Ansichten, auch mit seiner Wut. Es gibt Leute, denen Gil Scott-Heron als Wegbereiter jener Spoken-Word-Techniken gilt, die zum Rap führen. Er kommt in Chicago zur Welt, wächst bei seiner Großmutter in Jackson, Tennessee, auf und bekommt dort die Nachteile eines dunkelhäutigen Menschen in einer segregierten Gesellschaft ordentlich zu spüren. Gil Scott-Heron beendet seine Schulzeit nicht in Tennessee, sondern geht nach New York City, wo seine Mutter inzwischen lebt. Gil Scott-Heron beschäftigt sich mit den Arbeiten von Vertretern der Harlem Renaissance, deren Vertreter zum Teil noch (hoch betagt) in der Stadt leben.
Bei einem recht kurzen Aufenthalt am Lincoln College in Pennsylvania lernt Gil Scott-Heron den Multiinstrumentalisten Brian Jackson kennen, den Freund, mit dem er später sein literarisches Werk zu vertonen beginnt. Mit 19 Jahren veröffentlicht er seine erste Novelle: The Vulture, die zweite, „The Nigger Factory“, hat er bereits in der Tasche, die zweite Veröffentlichung ist allerdings der Gedichtband „Small Talk At 125th And Lenox“, den er für Flying Dutchman Records und den Produzenten Bob Thiele vertont. „Small Talk At 125th And Lenox“, der Beginn, „The Revolution Will Not Be Televised”, ist legendär, die Wut, die Protesthaltung, die behutsame Instrumentierung mit Klavier, Gitarre und/oder Percussions ist wegweisend. Wohin der Weg letztendlich führt, kann woanders debattiert werden. Dass auf dem Weg Drogen konsumiert werden, ist selbstverständlich.
Gil Scott-Heron – Pieces Of A Man
„Pieces Of A Man“ (1971) ist das nächste Album, Gil Scott-Heron arbeitet inzwischen mit einer wesentlich größeren Bandbesetzung zusammen, der auch Brian Jackson angehört, außerdem der Schlagzeuger Bernard „Pretty“ Purdie, der Bassist Ron Carter und der Flötist Hubert Laws, allesamt ziemlich gute Leute. „Free Will“ ist 1972 ein drittes Album, das in Zusammenarbeit mit Flying Dutchman entsteht, man geht im Streit auseinander, Strata-East Records heißt das Label, bei dem Gil Scott-Heron 1974 „Winter In America“ veröffentlicht. Brian Jackson spielt diesmal nicht nur Klavier, sondern auch die markante Querflöte, einer der größten Hits, die Scott-Heron jemals hat, „The Bottle“, findet sich auf diesem Album, Arista Records nimmt den Künstler unter Vertrag.
Clive Davis hat das Label gerade gegründet, Gil Scott-Heron ist sein erster Vertragsabschluss. Während Davis in den folgenden Jahrzehnten unglaubliche Karrieren anschiebt, gelingt ihm das mit diesem Künstler nicht. Der ist komplett, hat eine Mission, ist sozial engagiert, wütend, visionär, hat seine Black Community – und äußert sich richtig politisch, nicht so halb freundlich, halb feige, wie wir das von unseren heutigen Stars kennen. Ronald Reagan ist für Gil Scott-Heron Ray-Gun, im September 1979 tritt er im Madison Square Garden mit etlichen anderen Berühmtheiten unter dem Motto „No Nukes: The Muse Concerts For A Non-Nuclear-Future“ mit dem Lied „We Almost Lost Detroit“ auf, den Sampler dazu kann man noch heute kaufen – und der lohnt sich auch.
Arista veröffentlicht bis 1982 etwa ein Dutzend Alben von Gil Scott-Heron, bis in die frühen 90er dann Best-of-Sampler und ähnlichen Kram, es wird ein Dokumentarfilm über ihn gedreht („Black Wax“, 1982), seine Protestlieder, die durchaus militante Züge haben, gelten in den 80ern als nicht mehr tragbar, obwohl durchaus noch protestiert wird, passt Scott-Herons Tonfall offensichtlich nicht in die Zeit. Für „Sun City“, ein Sampler gegen Apartheit, kooperiert er 1985 mit Miles Davis und einigen anderen für das Lied „Let Me See Your I.D.“, mehr nimmt er einige Jahre nicht auf – die Umstellung von Vinyl auf CD hat zur Folge, dass ein Großteil seiner Musik viele Jahre gar nicht zu hören ist
Gil Scott-Heron – Minister Of Information
1994 wird „Minister Of Information“ veröffentlicht, ein Live-Album mit neuem, durchaus tagesaktuellem Material, „Spirits“ ist – ebenfalls 1994 – mal wieder eine richtige Studioarbeit, generell ist die Zeit angebrochen, in der er immer mal wiederentdeckt, geehrt, von Musikerkollegen in den Himmel gehoben wird, in der sich Journalisten und Richter über seinen Unwillen mokieren, sich irgendwelche Substanzen entziehen zu lassen, gelegentlich muss er deswegen auch ins Gefängnis. 2001 ist mit „Now And Then“ ein Gedichtband erschienen, 2003 folgt das Buch „The Last Holiday“. |
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