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Herbert GrönemeyerWen haben wir alle lieb? Unseren Herbert Grönemeyer. Schließlich hat Herbert Grönemeyer eine beeindruckende Karriere, ist Schauspieler, Musiker, der Ruck, der durch Deutschland geht, Patron der guten Tat und ein Klon von ihm wandelt als Wunderdoktor das Land.
Herbert Grönemeyer ist vielfach vom Schicksal geprüft – und teilt die Vergangenheit aller Onkels: als „Generation danach“ sind sie völlig unschuldig in bittere Armut hineingeboren und haben sich unter extremsten Bedingungen alles selbst gemacht. Die Luft schwirrt zurzeit von solchen Geschichten– so kann man sich (oder irgendjemanden) identifizieren. Grönemeyers Familiengeschichte allerdings ist Mitleid erregend. Und damit etwas für den Boulevard.
Herbert Grönemeyer ist zwar gebürtiger Göttinger, die Familie zieht wenige Monate nach der Geburt nach Bochum, womit der Musiker als waschechter Ruhrgebieter gelten kann. So zumindest empfinden das die meisten Bochumer, die seine Konzerte im Ruhrstadion zu unglaublich emotionalen Erlebnissen werden lassen. Hier geht Herbert Grönemeyer zur Schule, lernt früh Klavier zu spielen, singt im Chor, ist Kopf einer Band und geht an das Bochumer Schauspielhaus.
Ohnehin wird der Ruhrpott in seiner Bedeutung als großer Kulturpool verkannt. In den 70er Jahren ist beispielsweise Peter Zadek Intendant in Bochum und der wird im darauffolgenden Jahrzehnt von Claus Peymann abgelöst. Unter Zadek macht Herbert Grönemeyer erste schauspielerische Erfahrungen, arbeitet aber auch als Komponist.
Dieter Flimm, Musiker, Lehrer, Architekt, Produzent und Regisseur, veröffentlicht mit dem Sänger Herbert Grönemeyer und der Gruppe Ocean Orchestra 1978 die erste LP, auf der die markante Stimme zu hören ist, die Mikrofone zerstören kann. Ein Jahr später produziert Flimm das Debütalbum „Grönemeyer“. Eine Platte zum Wegducken. Hätte der Herbert nicht diese Wahnsinnskarriere gemacht, in den 70er-Schlager-Shows auf RTL wäre Herbert Grönemeyer damit sicherlich belustigender Dauergast.
Vielleicht fährt Herbert Grönemeyer deshalb lange noch mehrgleisig. Bevor Peymann nach Bochum geht, ist Herbert Grönemeyer bei ihm in Stuttgart musikalischer Leiter. 1981 ist ein entscheidendes Jahr. Herbert Grönemeyer gibt in „Das Boot“ eine recht zentrale Figur und steht dabei in einer ganzen Reihe später beliebter Fernsehmimen wie Uwe Ochsenknecht, Heinz Hoenig und Martin Semmelrogge. Und „Zwo“ erscheint. Das zweite Album geht bereits in die richtige Richtung, Grönemeyer gibt sein gesamtes gesangliches Repertoire zum Besten – allein die Hits fehlen. Dabei ist Herbert Grönemeyer auch inhaltlich schon breit aufgestellt, breiter gar als heute. Es gibt beispielsweise witzige Grönemeyer-Texte, das wissen die jungen Leute heute meist nicht mal. „Muskeln“ ist beispielsweise schön – „Kairo“ und „Bruno“ sind es auch.
Total egal
Mit den nächsten Alben beginnen die Arbeiten Grönemeyers allerdings erst wirklich interessant zu werden. 1982 erscheint „Total egal“. Optisch ist Herbert Grönemeyer auf der Höhe der Zeit, schwarz-weiß ist das Bild auf dem Cover, er ist zu sehen, hat einen Mantel an und guckt möglichst ausdruckslos. Für viele hätte Herbert Grönemeyer an dieser Stelle aufhören können. Die Platte enthält mit „Currywurst“ seine beste Interpretation eines Stückes und sein schönstes Liebeslied („Anna“). Im selben Jahr spielt er Robert Schumann in Peter Schamonis „Die Frühlingssinfonie“. Das 1983er Album „Gemischte Gefühle“ ist für Herbert Grönemeyer der Einstieg in die Charts, „Musik nur, wenn sie laut ist“ ein erster kleiner Hit. Die Lieder sind abwechslungsreich, von „modernen“ Synthesizerklängen, traditionellen Rock & Roll-Elementen bis hin zu karibischen Klängen bietet das Album viel und hört sich in seiner Gesamtheit komischerweise besser an als „4630 Bochum“ (1984). Dieses Album ist der entscheidende Erfolg des Künstlers: „Bochum“, „Männer“, „Flugzeuge im Bauch“ (die ultimative Vorlage für beschissene Coverversionen) haben ihre festen Plätze in der deutschen Popgeschichte, „Mambo“, „Fangfragen“, „Jetzt oder nie“ hätten es verdient.
Herbert Grönemeyer - Sprünge
Herbert Grönemeyer ist nun ein Großer. Da kann er nichts machen. Während Interscope ihm nach „Gemischte Gefühle“ wegen anhaltender Erfolglosigkeit kündigt, sahnt die EMI nun mit Herbert Grönemeyer ab. Das Album ist unangreifbar der Topseller 1984. Erstmals schreibt der Künstler Herbert Grönemeyer alle Texte selbst – bei dem Erfolg muss man fast schon überschnappen. Während die Alben zuvor im Einjahresrhythmus erscheinen, gibt sich Herbert Grönemeyer ein Jahr mehr, spielt neben Burt Lancaster, Julie Christie und Bruno Ganz in „Väter und Söhne“ und veröffentlicht 1986 das Album „Sprünge“. Es ist die Zeit der Massendemonstrationen in der BRD. Gesellschaftskritik ist gesellschaftsfähig, „Weltverbesserer“ keine ungeheure Beleidigung. „Sprünge“ ist deutlich Kind seiner Zeit, „Kinder an die Macht“ kennt jedes Kind – leider ist bis auf „Tanzen“ kein weiterer richtiger Hit Teil des Albums. Erstmals erreicht Herbert Grönemeyer in Österreich und der Schweiz den ersten Platz der Charts.
1988 folgt „Ö“. Von allen Alben, die Herbert Grönemeyer veröffentlicht, befindet sich in keinem eine derart große Anzahl von Liedern, die sich für die Stadien eignen, in denen er spielt. „Was soll das“, „Halt mich“, „Vollmond“ „Komet“, „Mit Gott“ – egal. Seine Konzerte sind für die Fans Familienfeste – nur ohne Streit. Sie vereinen den Kuschel- und Schunkelfaktor des Schlagers mit dem gemeinschaftlich erhebenden Erlebnis des Stadionrock, wobei der Künstler rätselhafter Weise nicht als total uncool gilt. Sogar in Kanada schafft er es kurz mit einigen englischen Versionen seiner Hits in die Charts. In dem Film „Sommer in Lesmona“ kombiniert Herbert Grönemeyer seine Standbeine, spielt mit, schreibt den Soundtrack und erhält den Grimme-Preis.
Herbert Grönemeyer - Luxus
Mit „Luxus“ geht es ins frisch vereinte Land. Der Titeltrack gilt als scharf gesellschaftskritisch, dominanter sind die sehr sentimentalen Hits „Marie“ und „Ich will mehr“. Mit „Freunde“ stellt Herbert Grönemeyer einen bis heute unerreichten Nuschelrekord auf – kaum einer wird das Lied ohne Textbuch verstanden haben.
1993 erscheint „Chaos“. Gerne spielt Herbert Grönemeyer mit Popmusik-Genres, diesmal ist es ein verdammt guter Ska-Versuch: „Die Härte“. Hits sind allerdings „Chaos“ und das unerträgliche „Land unter“. Im Folgejahr wird das MTV-Unplugged-Album aufgenommen, „Chaos“ zu einer Elektro-Scheibe durch den Wolf gedreht. Inzwischen produziert Herbert Grönemeyer seine Lieder parallel auch regelmäßg in anderen Sprachen (vorwiegend englisch) – eine Liebhaberei.
„Bleibt alles anders“ verkündet 1998 Großes. Der Titeltrack ist zwar blöde, jedoch umrahmt von zwei der besten Herbert Grönemeyer-Stücken überhaupt: „Fanatisch“ und „Nach mir“. Hier gewinnt er etwas Abgründiges, das ihn über den Verlust der humoristischen Note helfen könnte, die viele seiner älteren Lieder prägt. Der Rest des Albums ist überflüssig.
Das Label Grönland Records entsteht, während Herbert Grönemeyer sich rar macht und dadurch die Angst erweckt, er könne auf die Idee kommen, sich gänzlich von der Bühne zu entfernen. Die Konzerte, die Herbert Grönemeyer bis zum nächsten Album gibt, werden aufgeregt erwartet, aufgeregt begleitet und von ihnen wird noch lange erzählt. Nie ist einem Künstler von einer satten Medienmehrheit mit den Sensoren am Puls des „deutschen Volkes“ ertastete Liebe so konsequent weitergegeben worden.
„Mensch“ erscheint 2002 und wird von unglaublich vielen Menschen vorbestellt – also quasi blind gekauft. Herbert Grönemeyer kann sich in vielen Städten aussuchen, wie oft er das Stadion oder die Messehalle füllen möchte. Die Menschen kommen eh. Die Beziehung zwischen dem Künstler und seinen Fans ist erstaunlich und über die Jahre gewachsen; so wie er sich auf seine Hörer verlassen kann, die immer kommen, auch die idiotischen Metaphern mitsingen, sorgt Herbert Grönemeyer dafür, dass die Eintrittspreise vergleichsweise moderat bleiben und bietet stundenlange Shows mit allen Hits (außer Currywurst).
Herbert Grönemeyer empfindet seine Beliebtheit als Verantwortung und geht keiner „Kampagne“ gegen Ungerechtigkeit aus dem Weg. 2006 gibt es keinen, der die offizielle Hymne zur FIFA WM spielen kann denn Herbert. Und sein Lied ist erbärmlich. Obwohl er mit Amadou und Mariam ein Künstlerpaar an seine Seite holt, dessen Album „Dimanche à Bamako“ (2005) großartig ist, fällt den Musikern nicht besseres ein als „Zeit, dass sich was dreht“. Blöder geht es nicht. Grönemeyer bölkt „Olé, olé, olé!“ und die blinden Malier geben sich niedlich im Hintergrund. Das wirft auf alle Charity-Bemühungen des Künstlers ein komisches Licht. Zeitgleich auch auf Grönemeyers Einstellung zum Fußball – kein Wunder, dass der VfL verliert, sobald er das Stadion betritt.
Das 2007er Album „12“ kann man sich schenken. „Stück vom Himmel“ ist ihm unerträglich pathetisch geraten und „Kopf hoch, tanzen“ hört sich irgendwie überholt an. Vor einem weiteren Abstieg kann er sich nur selbst bewahren, die Liebe seiner Fans wird bleiben. ![]() Kostenlose Songtexte von Herbert Grönemeyer bietet lyrix.at |
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