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Kanye West


Das hat noch gefehlt: ein Rapper aus gutem Hause, einer, der sich daran erinnert, wo Hiphop herkommt, auf welchen Motivationen die Kultur fußt und dass es mehr gibt, als stumpfes Gangster-Understatement (zum Beispiel kann man seine Popularität dazu nutzen, soziale Missstände anzuprangern). Zu allem Überfluss verzichtet Kanye West auch noch auf den üblichen Gangster-Chic, kleidet sich weltmännisch, aber mit einer sehr eigenen Note.

 

Und schließlich ist sein Werdegang auch noch bezeichnend anders als bei vielen Kollegen: es sind weniger schlecht produzierte, übellaunige Tapes, die als kleine Revolution besprochen werden und in einem Hype münden (inklusive Selbstgefälligkeit, mehr Geschmacklosigkeit und einer geistigen Lähmung). Es beginnt zwar mit dem Traum vom großen Erfolg, der Musiker scheitert jedoch zunächst und entdeckt seine Stärke als Produzent, und bringt sich durch seinen Erfolg in die luxuriöse Lage, seine eigene hochqualitative Musik zu machen… Fast alle Rapper sind irgendwie Produzent. Es ist einfach, für Kollegen den Steigbügelhalter zu spielen, wenn man nur rülpsen muss, um in jedem zweiten Musikmagazin einen Leitartikel zu bekommen. Wenigen Produzenten allerdings ist die Produzentenarbeit eine Berufung – Kanye West gehört dazu.

 

Kanye West - Herkunft

 

Er kommt am 8. Juni 1977 in Atlanta zur Welt. Seine Eltern sind lange in der Black-Panther-Bewegung aktiv, der Vater ist Fotograf für die Atlanta-Journal-Constitution, die Mutter erhält eine Englischprofessur an der Chicago State University – und der kleine Kanye wächst in Oak Lawn, einem „besseren“ Teil im Raum Chicago bei seiner Mutter auf. Als Akademikerkind nimmt er heute eine Sonderrolle in der Hiphop-Welt ein, zumindest wenn man sich die Megastars des Genres in Amerika anguckt; wobei eine Ghetto-Herkunft nie ein Muss gewesen und selbstredend auch kein Qualitätsmerkmal ist.

 

Bereits früh bastelt Kanye West an eigenen Tracks, womit nicht allein die Texte gemeint sind, von Weggefährten wird unermüdlich die hohe Qualität seiner Sample-Techniken betont. Er ist lange Schüler, bricht allerdings seine Studierversuche ab, um seine Karriere zu forcieren. Sein Lehrer ist Ernest Wilson a.k.a. NO I.D., der an frühen Sachen von Common mitgearbeitet hat.

 

Kanye West - Produzententätigkeit

 

Nachhaltige Wirkung hat vor allem seine Zusammenarbeit mit Jay-Z, den er über Beanie Sigel kennenlernt. Jay-Z ist seinerzeit Teilhaber am Label Roc-A-Fella Records, das inzwischen in Def Jam eingegliedert ist, und das wiederum wird von Jay-Z geleitet und der lässt seine Alben „The Dynasty: Roc La Familia“ und „The Blueprint“ unter anderem von Kanye West produzieren. Es folgen etliche Produktionen, unter anderem für Alicia Keys, Talib Kweli, Janet Jackson, Common, The Game, Eminem – die Liste ließe sich fortsetzen.

 

Kanye West ist damit von der Ostküsten-Fraktion. 2005 gründet er sein eigenes Label G.O.O.D. (das steht für Getting Out Our Dreams). Common und John Legend begeben sich in seine Obhut.

 

Kanye West - The College Dropout

 

Im Oktober 2002 baut Kanye West einen schweren Unfall, der ihn den Gangstermythen des Hiphop ein Stückchen näher bringt. Mit gebrochenem Kiefer landet er in dem Krankenhaus, in dem Notorious B.I.G. einige Jahre zuvor sein Leben aushaucht. Während viele seiner Kollegen nach einer Schießerei oder während ihrer Knastaufenthalte beschließen, alles auf die Musikerkarte zu setzen, ist es bei Kanye West eine schnöde Havarie, die ihn zwingt, über sich und seine Herzenspläne nachzudenken. Dafür ist die Vorstellung ungleich dramatischer, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sich der Mann mit gebrochenem Kiefer dem Mikro zugewendet haben muss, um etwas Wichtiges zu erzählen.

 

Das Stück „Through the Wire“ steigert seinen Musiker- und Produzentenmarktwert gleichermaßen. 2004 erscheint das Debütalbum „The College Dropout“, auf dem sich auch die Single „Jesus Walks“ befindet. Er bestätigt sich und die, die an ihn glauben, mit einer sauber gearbeiteten Produktion. Es regnet Preise und hohe Ranglistenplatzierungen, was ihm besonders wichtig zu sein scheint, da er die unangenehme Angewohnheit entwickelt, auf zweite Plätze und nicht gewonnene Preise mit Unverständnis und Empörung zu reagieren.

 

Kanye West - Late Registration

 

Seine Vorliebe für satte Soul-Samples treiben seine Tracks nicht allein den Hiphop-Freunden zu, sondern erweitern das ihm zu Füßen liegende Publikum ungemein. Für das nächste Album bleibt ihm eigentlich nicht genug Zeit für die Qualität, die er abliefert. „Late Registration“ erscheint im August 2005 und wird selbst jenen, denen der Name Kanye West nichts sagt, aufgrund des Stückes „Gold Digga“ mit der Stimme des Ray-Charles-Darstellers Jamie Foxx in Erinnerung bleiben. Die erste Single allerdings ist „Diamonds from Sierra Leone“, eine Adaption des Shirley-Bassey-James-Bond-Klassikers „Diamonds are forever“ – bei Nutzung der Stimme Basseys. Kanye West legt seine Finger in Wunden. Es sind Wunden, die jeder sieht, und für die eigentlich klare Formeln bereitliegen. Egal ob Diamanten aus Westafrika, aidskranke oder drogenabhängige Menschen, die Überflutung New Orleans` – während alle Welt arme Menschen sieht und sich über die Notwendigkeit einigt, dass denen geholfen werden muss, das wiederum meist schnell vergisst, benennt Kanye West mal Täter. Das klingt oft nach Verschwörung, wirkt jedoch im Vergleich zum üblichen Fernsehgequatsche so unglaubwürdig, weil das Fernsehgequatsche super aufeinander abgestimmt ist, und sich für die Benennung von Tätern gemeinhin keiner verantwortlich fühlt.

 

So wird Kanye West zum Geisterfahrer, der letztendlich nicht ernst genommen wird, weil a) er Musiker ist, b) er aus einem komischen Elternhaus kommt, c) wir genug von Verschwörungen haben und d) wir die Sachen überhören können, auch wenn wir die Musik genießen.

 

Und „Late Registration“ ist einfach ein Album für ein großes Publikum, größer als die übliche Hiphop-Hörerschaft. Dafür sorgt auch die Zusammenarbeit mit Jon Brion, aber auch Maroon 5 – und ebenso The Game, Jay-Z, Common und Nas, denn das sind zwar Rapper, die jedoch abwechslungsreich und dem ungeübten Ohr schmeichelnd eingebaut werden.

 

Kanye West - Graduation

 

2007 erscheint „Graduation“. Kanye West ist etwas selbstverliebter, richtigerer Rapper. Endlich erzählt er mehr von sich und seinen Frauen. Und leider ist die Sache dadurch um einiges weniger abwechslungsreich. Es gibt Leute, die behaupten, dass man sich reinhören muss. Muss man nicht. Wenn man es macht, dann verliebt man sich in das Album, heißt es. Wohl kaum. Die Sache ist langweilig geworden. Das Beste ist, dass Kanye West MTV die Zusammenarbeit kündigt, weil MTV ihm den Grammy verweigert und die offensichtlich kranke Britney Spears ins Verderben laufen lässt. Während alle Welt über die Peinlichkeit der Spears lästert, zwitschert und stöhnt, bringt Herr West mal wieder einen Punkt an die richtige Stelle. Das gelingt ihm auf dem Album nicht. „Good Morning“ ist doof, und damit fängt die CD an. „Stronger“ ist was für die Disko der späten 90er, und das war keine gute Zeit, „Big Brother“ ist überholt, und damit endet das Album. Mit „Graduation“ verhält es sich so wie mit einem Zwei-Kilo-Schnitzel, das man bezahlen muss, wenn man es nicht verputzt, dessen Preis man erstattet bekommt, sobald man alles in sich reingestopft hat. Man weiß die ganze Zeit, dass es nicht komplett zu schaffen ist und denkt während des Versuchs an den Betrag, den man für das beschissene Gefühl auf den Tisch geknallt hat.





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