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Leona Lewis
Leona Lewis Foto © by Sony BMG - Ralph Mecke

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Mit Leona Lewis haben wir es einmal mehr mit einer englischen Sängerin zu tun, eine von denen, die stimmlich und technisch auf das Erbe großer Popmusikdiven des ausgehenden 20. Jahrhunderts setzt und wieder einmal mit einer Siegerin einer der vielen, vielen Castingshows. Dass sie international ungemein erfolgreich ist, muss uns Grund genug sein, uns ausführlich mit ihr zu beschäftigen. Leona Lewis ist, und das ist in diesem Zusammenhang keine Selbstverständlichkeit, eine ungemein reife Sängerin. Bei aller zeitgenössischen Gewöhnlichkeit ihres Aufstieges kommt hinzu, dass sie mit ihrem Debüt einen Weg wählt, der ein Zeichen gegen die allzu rasche Geldmacherei setzt. Sie arbeitet für die umfassende Geldmacherei. Es gibt kleine, allerdings gewichtige Unterschiede zu den Superstars, die hierzulande im Vierteljahrestakt in die Charts geschickt werden. Ihr Erfolg wird – trotz ihres kometenhaften Aufstieges, den das Casting mit sich bringt – vergleichsweise behutsam vorbereitet. Ihre Popularität wird nicht einfach gemolken, in Leona Lewis wird investiert … Und so wie es aussieht, scheint sich das zu rentieren.

 

Leona Lewis kommt im April 1985 in Islington bei London zur Welt. Bereits als Kind wird sie musisch gefördert, sie besucht die Sylvia Young Theatre School, die Italia Conti Academy, nimmt an diversen Talentwettbewerben teil, schreibt an eigenen Liedern und besucht die BRIT School – gerade letztere Institution ist zu einem Nabel der Musikerinnenwelt geworden, viele ihrer gerade so populären Kolleginnen lassen sich hier ausbilden und auch wenn sie – als Castingshow-Gewinnerin – von den Dogmatikern zwangsläufiger künstlerischer Eigenständigkeit aufsteigender Stars nur ungern mit den Mitschülerinnen in einen Topf geworfen wird, außerdem ihr Ansatz, die Fortführung der Lebenswerke von Kolleginnen wie Whitney Houston und Mariah Carey zu populär ist, um gemeinhin als künstlerisch superwertvoll zu gelten (schließlich kann der Geschmack der großen Masse nicht gut sein), darf sie doch genannt werden, wenn man feuchten Auges das Glück aufzählt, das uns seit einigen Jahren aus Großbritannien ereilt.

 

Eigentlich macht Leona Lewis das, was sie alle zu machen scheinen, die die neumodischen Popmusikschulen besuchen: auf ihre Stärken setzend, nehmen sie die Gelegenheiten wahr, die sich ihnen bieten, sie nehmen Demos auf, suchen sich Verbündete – und im Falle der Leona Lewis läuft das zunächst ganz gut, als es jedoch zu stagnieren droht, die Möglichkeit des Scheiterns zur Bedrohung wird, lässt sie sich überreden, an der Castingshow X Factor teilzunehmen.

 

Leona Lewis – X Factor

 

Im Grunde ist X Factor ziemlich genau das, was bei uns DSDS ist. RTL soll auch die Rechte an dem Format haben, diese jedoch nicht nutzen, da Dieter Bohlen in seinen Kreisen nicht gestört werden soll. Simon Cowell ist der Dieter der Insel, ein Spezialist für das Aufspüren von Talenten, Knüpfen von Kontakten und Investitionen in Künstler (also ein A&R-Manager). Er moderiert nicht allein X Factor, sondern zusätzlich weitere Formate, darunter American Idol. Neben ihm sitzen Sharon Osbourne und Louis Walsh. Osbourne ist die Gattin von Ozzy, die kennt sich nicht nur mit den härtesten Seiten des Musikgeschäfts aus, sie ist außerdem für den späten, nochmaligen Aufstieg ihres Gatten verantwortlich und Tochter von Don Arden, einem berühmten Musikmanager. Walsh ist ein irischer Manager, Boygroups wie Westlife und Boyzone gehen auf seine Kappe.

 

Die Teilnehmer bei X Factor werden in drei Kategorien eingeteilt, jedes Jurymitglied ist Pate einer Gruppe. Leona Lewis gehört in der dritten Staffel der Show 2006 zu den Künstlern, die jünger als 25 Jahre alt sind und wird damit von Cowell persönlich begleitet, Osbourne ist für die älteren Sänger zuständig, Walsh für die Gruppen – ein spannender Aspekt, der bei RTL vernachlässigt wird. Leona Lewis schafft etwas, was bei kaum einer der Shows geschieht, in denen die Zuschauer die letzte Entscheidung haben: sie wird früh zur Favoritin gekürt und fährt am Ende den Sieg ein.

 

Wer sich Ausschnitte der Show anguckt, wird von der Ähnlichkeit zum deutschen Format überrascht sein: die Mottoshows sehen aus wie unsere Mottoshows, die Bühne ist beinahe dieselbe, die drei Juroren hocken an ähnlicher Stelle, es gibt eine Moderatorin, die sich nach dem Auftritt der Künstler zu denselben gesellt, auch das Verhalten der Zuschauer ist genau dasselbe – sie klatschen blöde im Takt, es gibt kreischende Fanfraktionen und gerührte Mamis und Papis. Leona Lewis macht genau das, was gefordert ist: sie wird mitsamt ihrer Schwächen gezeigt, ist emotional überfordert, weint regelmäßig, bedankt sich rührend, wird mal krank, ihr Körper droht zu streiken, sie wird im Kontakt mit dem Arzt gezeigt, eignet sich hartes Songmaterial unter widrigen Bedingungen an und legt – man muss es nicht mögen – sehr saubere Auftritte ab, zu denen ihr von der Jury überschwänglich gratuliert wird. Das Publikum rastet zunehmend aus.

 

Am Ende gewinnt Leona Lewis im großen Finale gegen den wesentlich jüngeren, süßen Raymond Quinn, ein trotz seiner jungen Jahre bereits enorm erfahrener Mann. Der Trend, dass Profis bzw. Semiprofis in den Castingshows dominieren, der auch hierzulande zunehmend zu verzeichnen ist, ist hier bereits vollzogen. Das kommt den Hörern zugute, lässt genussvoll dokumentierte Blamagen und Niederlagen allerdings in den Hintergrund rutschen. Die Gäste, die den Wettbewerbern während der Live-Shows die Hände schütteln, beeindrucken: Lionel Richie kommt zum Beispiel vorbei, außerdem Julio Iglesias, Rod Stewart, Gloria Estefan, Tony Bennett, Barry Manilow, Björn von ABBA, Paula Abdul – und das sind nur die wichtigsten.

 

Leona Lewis nimmt sich viel vor, singt „I´ll Be There“ von den Jackson 5, „The First Cut Is The Deepest“,„Summertime” von George Gershwin, „Chiquita“ von ABBA, „Sorry Seems To Be The Hardest Word“ von Elton John, „Brigde Over Troubled Water” von Simon & Garfunkel – und dreht am Ende der Staffel richtig auf, indem sie sich mit Sängerinnen misst, mit denen sie als Superstar direkt konkurrieren wird (zum Beispiel via „Without You“ in der Version von Mariah Carey, „I Will Always Love You“ und „I Have Nothing“, Whitney Houston). Am Ende singen beide Finalisten „A Moment Like This“ von Kelly Clarkson, also keine Weltpremiere einer Bohlen-Schnulze …

 

„A Moment Like This“, gerade einmal vier Jahre alt, wird als Single veröffentlicht und schießt direkt an die Spitze der Charts in UK und Irland. Soweit, so gewöhnlich, Leona Lewis räumt Weihnachten 2006 damit Take That mit „Patience“ aus dem Weg, stellt einen neuen Singleverkaufsrekord einer Frau in England auf und noch einige andere alberne Rekorde – und geht den erwähnten, recht ungewöhnlichen Schritt. Sie arbeitet an ihrem Album mehrere Monate. Natürlich muss man dazu die Gelegenheit haben, der uralte Clive Davis, einer der erfolgreichsten Produzenten überhaupt, unterbreitet ihr einen ordentlich dotierten Vertrag und holt sie in die USA.

 

Leona Lewis – Spirit

 

Davis hat die Masche, dass er gelegentlich Frauen zu Superstars macht, bevor sie überhaupt eine Veröffentlichung haben. Mit Whitney hat es geklappt, mit Alicia Keys, bei Leona Lewis juckt es ihn mal wieder, obwohl er für sie eigentlich keine Werbetrommel mehr rühren muss – es reichen die richtigen Leute für ein erfolgreiches Debütalbum. Ein wichtiger Mann ist Walter Afanasieff, der Mariah Carey bei einigen ihrer größten Erfolge – nun ja – mehr als unterstützt und auch seinen Beitrag zum Soundtrack von „Titanic“ geleistet hat. Dallas Austin macht mit, ein junger, sehr erfolgreicher Songwriter und Produzent, insgesamt sind es mehr als 20 Schwergewichte, die sich dem Projekt widmen, weniger von den coolen, modernen Produzenten, die sich die Berufsbezeichnung aus Jux ins Stammbuch schreiben lassen, sondern die Typen im Hintergrund, ausgewählt nach den Musikerinnen, denen sie bereits gedient haben oder den spektakulären Standorten ihrer Studios in den USA, England oder Schweden.

 

Erst im November 2007 erscheint „Spirit“, das Debütalbum, die deutschen Fans müssen noch zwei weitere Monate warten. Im Oktober 2007 erscheint die Single „Bleeding Love“, die in etlichen Ländern auf dem ersten Platz der Charts landet. Leona Lewis macht Popmusik, „Spirit“ ist eindeutig nicht der Versuch, sich bei kompliziert denkenden Feuilletonisten anzubiedern, sondern ist für die Charts gemacht. Leona Lewis stellt sich in eine Reihe mit Whitney Houston und Mariah Carey – und hält dem Vergleich stand.


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