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Paul McCartney


Paul McCartney ist der eine von den Beatles. Manche sagen, er sei der Kopf, der einige Jahre hysterisch verfolgt wird, nach dem Ende der Band eine glückliche Ehe mit Linda führt, mit der er bei den Simpsons vorbeischaut, sich sozial engagiert, vegetarisch lebt und was man sonst noch macht, wenn man es sich leisten kann, glücklich alt zu werden. Linda und Paul McCartney sind viele Jahre auch musikalisch ein Team. 1998 stirbt sie, einige Jahre später heiratet Paul Heather Mills und nach gerade einmal vier Jahren ziehen die beiden in einen schmutzigen, öffentlichen Scheidungskampf, der Anfang 2008 mit einem Richterspruch und einer hohen Abfindung für das ehemalige Model endet.

 

Der Fall Paul McCartneys ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Kaum ein Musiker ist so hoch mit unterschiedlichen Ehrungen dekoriert. Die Queen etwa schlägt ihn zum Ritter, noch eindrucksvoller sind die Mythen, die sich um den Star ranken. Eine Weile geht das Gerücht um, Paul McCartney sei 1966, vier Jahre vor dem Ende der Beatles, bei einem Autounfall ums Leben gekommen und der Typ, der seitdem als Paul McCartney durch die Popmusikwelt geistert, sei lediglich ein Doppelgänger. Die Art und Weise, mit der Fans und Experten die Musik, das Ende, die Plattencover der Beatles analysieren, hat meist etwas von Heiligenverehrung, manchmal ist es mit Bibelexegese vergleichbar.

 

Für das Ableben Paul McCartney spricht, dass er bis heute fortdauernd für die viele Jahrzehnte zurückliegende Arbeit als Beatle geehrt wird. Es ist keinesfalls so, dass er seitdem nichts mehr eingespielt hätte. Das Werk Paul McCartneys ist gewaltig. Mit dem Erfolg der berühmten Gruppe aus Liverpool ist das ganze allerdings nicht zu vergleichen. Er ist so berühmt, dass es schon wieder schädlich ist, seinen Namen zu führen. Sein jüngerer Bruder etwa, Peter Michael, folgt seinen künstlerischen Ambitionen unter einem Pseudonym: Mike McGear. Paul McCartney wird so sehr verehrt, dass seine Kinder vom Boulevard vergleichsweise vorsichtig angefasst werden. Sie scheinen selbst etwas von dem Glanz der Legende geerbt zu haben: Stella ist eine berühmte Designerin, Mary eine berühmte Fotografin (und folgt damit ihrer Mutter), James, eigentlich ein ideales Opfer für die Häme der Öffentlichkeit, weil er seinem Vater verblüffend ähnelt, versucht sich in den Fußstapfen Paul McCartneys.

 

Wer die Beatles nicht mag, wird mit der Musik McCartneys seit 1970 ebenfalls nicht viel anfangen können. Selbst unter jenen, die die Beatles verehren, gibt es nicht wenige, die die Werke danach nicht gerade schätzen. Das lässt die unerbittliche Ehrerbietung vor ihm, dem großen Songschreiber, einem Dinosaurier der Popmusikgeschichte, noch merkwürdiger erscheinen. Dabei gelingen ihm, das bleibt nicht aus, wenn man unentwegt produziert, immer wieder hübsche Perlen, er ist stilistisch keinesfalls festgefahren, Paul McCartney springt auf Züge bzw. fährt sie, das kommt auf die Sichtweise an.

 

Paul McCartney kommt im Sommer 1942 in Liverpool zur Welt. Kaum ein Musikerleben ist derart sorgfältig im Internet dokumentiert, bei Paul reicht die Neugierde der Fans weit in den Stammbau des Musikers hinein. 1960 gründet er mit ein paar Kumpels die Beatles, ab Mitte der 60er Jahre liegt ihm, dem John, dem George und auch dem Ringo die halbe mit Fernsehen versorgte Welt zu Füßen. Paul McCartney gilt als begnadeter Songschreiber, der sich zu jener Zeit einen verbissenen wie fruchtbaren Songschreiberwettbewerb mit seinem Kollegen John Lennon liefert. „Hey Jude“ ist zum Beispiel so ein Ding, das ihm zu verdanken und sa-gen-haft erfolgreich ist.

 

Ende der 60er Jahre, die Produktionen der Beatles sind mit der Zeit immer drogengetränkter und spektakulärer geworden, fährt die halbe Mannschaft in verschiedene Häfen der Ehe ein. Das Werk der Beatles, zu dem auch Filme gehören, ist eine Schatzkammer, lebt allerdings auch davon, dass Paul McCartney lediglich einer von mehreren Songschreibern ist.

 

Paul McCartney – Wings

 

Ende 1969 beginnt Paul McCartney an dem ersten Soloalbum „McCartney“ zu arbeiten, das er komplett selbst einspielt. Ein Selbstläufer, auch weil die Fans gerade noch so schön verzweifelt sind. Er gründet mit Linda Wings. Die Liebe und Verehrung, die der Musiker heute erfährt, kann natürlich auch der Härte verschuldet sein, mit der man seinem neuen Weg seinerzeit vielfach begegnet. Allerdings reiht Paul McCartney in den 70er Jahren eine musikalische Niederlage an die andere.

 

Ram“ beispielsweise, das Album von 1971, ist ganz und gar unerträglich. Die Singles „Uncle Albert /Admiral Halsey“ und „The Back Seat Of My Car” sind hart, zum Bloody Sunday 1972 protestiert McCartney (wie auch John Lennon) mit „Give Ireland Back To The Irish”, immerhin ist das ein bisschen kontrovers und so. Mit dem Traditional „Mary Had A Little Lamb“ wird er noch einmal etliche alte Anhänger vergrault haben, bevor er mit „Live And Let Die“ für den James-Bond-Soundtrack seine beste Arbeit in den 70ern ablegt.

 

Mit gutem Recht schwören viele noch auf Klassiker wie „Band On The Run“ „Maybe I´m Amazed“, „Silly Love Songs“ oder auch „Let ´em In“. „Mull Of Kintyre“ ist noch zu nennen, ebenfalls eine Volksweise, könnte man wetten, allerdings aus der Feder Paul McCartneys. Paul und Linda sind engagierte Menschen, welche, die es mal nach Westafrika zieht, die zu Ungerechtigkeiten Stellung beziehen und ihre Popularität dazu nutzen, etwas gut zu machen. Nur eines von etlichen Beispielen für die Flexibilität Paul McCartneys ist jenes von „Old Siam, Sir“. Ein Hardrock-Track, der seine Erdigkeit dadurch gewinnt, dass die Wings untereinander die Instrumente tauschen. Ein hübsches Experiment, keinesfalls ein Lied für die Ewigkeit, mehr was für die folgenden paar Jahre im Stadion.

 

Zwischendurch spielt Paul McCartney unerträgliche Weihnachtslieder ein, das nächste Jahrzehnt beginnt mit dem zweiten Versuch einer Solokarriere. Die Wings sind Geschichte. Ach ja, „Goodnight Tonight“ (1979) ist noch super.

 

McCartney II

 

Es dürfte nicht wenige geben, die 1982 für das stärkste Jahr Paul McCartneys halten, die Beatles-Zeit eingeschlossen. Das sagt sich leicht, da sowohl Ringo Starr als auch der Beatles-Produzent George Martin für das Album „Tug Of War“ an seine Seite zurückkehren. „Ebony And Ivory“, das Lied, das Paul mit Stevie Wonder einspielt, entsteht in der Zeit, ebenso „The Girl Is Mine“ und „Say Say Say“, die zwei Lieder, die Paul McCartney mit Michael Jackson produziert – das erste landet auf Jacksons Album „Thriller“, das zweite Lied, zu dem es ein wirklich hübsches Video gibt, auf „Pipes Of Peace“ (1983).

 

Der Rest ist recht schnell erzählt: alle paar Jahre veröffentlicht McCartney ein neues Studioalbum, er bastelt den Soundtrack, wenn Linda sich einen Zeichentrickfilm mit Fröschen ausdenkt, er geht ein bisschen seltener auf Welttournee als eventuell vergleichbare Megastars, dafür sind es ungleich größere Ereignisse. Inzwischen Sir Dr. (und einiges mehr), ist Paul McCartney zu wünschen, dass der Musiker die vielen Freunde, die er hat, die Freiheit, die er genießt und die Fähigkeiten, die er besitzt, so für sich kanalisiert, dass noch einmal etwas ganz Großes dabei rauskommt. Das Album „Memory Almost Full“ (2007) ist ein gescheiterter Versuch. Dabei weckt „Ever Present Past” den Eindruck, dass Paul McCartney gerade niemanden an der Backe hat, ein netter Opi, der sich treu ist, nicht die Welt rettet, was für Kinder macht oder jemandem ein Steigbügel ist. Paul ist Paul und erzählt was über sich. Wir haben das große Comeback des Mannes noch nicht erlebt.





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