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Stellen wir uns die berühmtesten der us-amerikanischen Popsternchen als Girlgroup vor, dann ist Pink die Rolle der flippigen Punkröhre sicher. Sie vertritt in Interviews eine sich von der Gruppenmehrheit unterscheidende Meinung und spricht so jene Hörerinnen an, die sich auch in ihrer Schulklasse etwas am Rand aufhalten und die, die sich selbst etwas anarchistisch träumen, das jedoch nicht zu leben wagen. Pink ist sich ihrer pädagogisch wertvollen Aufgabe bewusst, den einen zu zeigen, dass es sich lohnt, im Team zu arbeiten und den anderen, dass sie mutig zu ihren Bedürfnissen stehen dürfen. Und Pink wagt es, sich (vorsichtig) politisch zu positionieren. Das machen zwar alle, wissen wir, allerdings ist es zurzeit unglaublich unpopulär, als politisch bezeichnet zu werden. Vor nichts haben beispielsweise Linkin Park mehr Angst als vor einem „politischen“ Image, die Mehrheit der amerikanischen Rapper, die uns erreichen (auch die Mehrheit derer aus Berlin) gibt sich unpolitisch bzw. politisch desinteressiert und das Castingsternchen Max Buskohl zeigt in seiner Reality-Show bei Gesprächen mit seinem Vater, dass er regelrecht Panik vor der Vorstellung hat, mit irgendwas Politischem in Berührung zu kommen, selbst wenn er vor Soldaten im Kosovo irgendetwas von Rebellion trällert.

 

Bei Pink scheint die Positionierung zum Konzept zu gehören, sie ist damit eine Ausnahme zwischen den ganzen superreflektierten, ironischen und einfach der Musik zuliebe für alle singenden, steht damit jedoch nicht im Abseits, sondern gehört in die Phalanx der amerikanischen Superstars.

 

Pink - Auf dem Thron zwischen den Stühlen

 

Irgendwie passt bei Pink einiges nicht. Den Rockern ist sie keine Rockerin, den anderen sehr rockig, einige sehen sie als Punk, Punker hingegen werden das anders sehen. Sie ist recht wandelbar, zumeist schimmert zumindest eine rebellische Attitüde durch, festlegen lässt sie sich nicht, eher jedoch als die Mehrzahl ihrer Starkollegen. Pink ist ja noch nicht einmal eine Rockgruppe, sondern mit Pink ist diese eine Person gemeint –

 

Alecia Beth Moore kommt im September 1979 in Pennsylvania zur Welt. Die Biografie, die durch die Gazetten geistert, ist gespickt von kleinen und großen Anekdoten, die beim Leser betroffenes Erschaudern, Mitleid und so erzwingen – dann jedoch auch immer Grund zur Hoffnung geben. Scheidungskinder-, Drogenkinder-, Straßenkinder-Storys ergänzen sich einfach zu perfekt, wahrscheinlich hat die junge Frau das wirklich alles erlebt.

 

Erste musikalische Erfahrungen sammelt Pink im weiten Feld zwischen Gospel und Punkmusik. Zu ihren großen Förderinnen gehört Linda Perry, Kopf der 4 Non Blondes, die den meisten mit ihrem „What`s Up“ noch im Gedächtnis sein wird, heute allerdings vornehmlich eine enorm erfolgreiche Produzentin ist. Sie arbeitet unter anderem mit Christina Aguilera, Courtney Love, Gwen Stefani, Sugababes, Robbie Williams, Melissa Etheridge, Juliette and the Licks, Enrique Iglesias und James Blunt zusammen. Pink ist eins ihrer sehr frühen Projekte, den Kontakt hat die junge Alecia Beth Moore selbst hergestellt, wendet sich zu dem Zeitpunkt nicht an die berühmte Produzentin sondern an die Frontfrau der 4 Non Blondes, weil sie das, was die macht, auch haben will.

 

Pink - “Can´t Take Me Home”

 

Das Debütalbum „Can´t Take Me Home” (2000) ist ein fröhlicher Stilmix und ein Stelldichein erfolgreicher Produzenten und Songschreiber. Ein R&B-Album, veröffentlicht auf dem R&B-Label LaFace Records. Pink hat pinkfarbene Haare und bleibt mit dieser ersten Produktion in Europa noch weitestgehend unbekannt. Die erste Single, „There You Go“, schnuppert eine Weile in die Top100, recht erfolgreich ist das Album in Australien (Platz 10) und in Großbritannien (Platz 13). Die zweite Single „Most Girls“ ist ihr erster Hit. Pink ist eine Mischung aus Britney und Sporty Spice im Pumpwerk, der Track ist durchgehend schlecht. Heute wird sich der eine oder andere fragen, warum es ausgerechnet Pink ist, die für „Lady Marmalade“ auf dem Moulin-Rouge-Soundtrack den letzten Platz im Haus der verrückten Nudeln zwischen Mya, Lil´Kim und Christina Aguilera erhält. Gründe sind dieses erste Album und die Mischung aus R&B und einer angedeuteten rebellischen Haltung. Sie ist nämlich nicht wie die meisten, das zeigt sie, man hört es allerdings nicht ihrer Musik an.

 

Pink - „M!ssundaztood“

 

Wahrscheinlich fällt das zweite Album trotz der ersten Erfolge deswegen so anders aus. „Missundaztood“ (2001) wird nicht nur rockig-poppiger sondern auch persönlicher als das erste Album. Linda Perry hat bei der Produktion die Federführung, die erzählten Geschichten bearbeiten Pinks Familien- und Drogengeschichten, selbst die Erfahrung des Vaters in Vietnam hält für einen Titel her. Aufgrund des musikalischen Wechsels wandert die Produktion zu einem anderen Sublabel von Sony BMG: Arista.

 

Das Album ist ein gigantischer Erfolg. 12000000 Mal wird es weltweit verkauft, in Deutschland ist dieses das eigentliche Debütalbum für Pink mit allein 600000 verkauften Exemplaren.

 

Pink - „Try This“

 

Ende 2003 erscheint das dritte Album „Try This“. Neben Linda Perry und einigen anderen arbeitet diesmal in erster Linie Tim Armstrong mit, der Kopf von Rancid. Er ist an der Entstehung von 8 der 13 Titel beteiligt. Vor allem in Großbritannien hat Pink inzwischen eine beständig große Fangemeinde, die Singles „Feel Good Time“, „Trouble“ und „God Is A DJ“ landen hier besonders hoch oben in den Charts, während das Album, auf dem auch ein gemeinsamer Track mit Peaches zu finden ist, im deutschsprachigen Raum auffallend erfolgreich ist.

 

Pink - „I´m Not Dead“

 

Pink produziert Pink. Weiterhin von einer abwechslungsreichen, großen Anzahl erfahrener Hitproduzenten umgeben ist die Künstlerin bei dem 2006 erscheinenden Album „I´m Not Dead“ alleinige Chefin im Ring. Das Produkt ist ein nachhaltiger Erfolg. Sechs Single-Auskopplungen sprechen für sich. Pink greift in die Vollen – und weiß, wer ihr gut tut. Ob es der Britney-Produzent Max Martin aus Schweden ist oder Billy Mann, der bereits mit einer Vielzahl von Superstars zusammengearbeitet hat (Celine Dion, Ricky Martin, Take That, Joss Stone, Backstreet Boys…), man kann kaum glauben, mit wem man alles die Medien kritisierende und politisch provozierende Projekte durchziehen kann.

 

„Stupid Girls“ ist die erste Singleauskopplung, vor allem mit dem Video, einer Parodie eines halben Dutzends ihrer Kolleginnen, wird sie sich nicht unbedingt Freunde gemacht haben. Es ist ein Generalangriff auf die obszönen und ekligen Seiten des Showgeschäfts, auf die Bulemie, den Sexismus, die Einseitigkeit und eben die Stupidität – von einer Künstlerin, die es ihren Kolleginnen einfach nachmacht, um zu zeigen, wie scheiße es aussieht.

 

Das Album bietet vieles zwischen angerocktem Kitsch und vollkommenem Kitsch. Die zweite Single „Who Knew“ ist eine nette Freundschafts-Abschieds-Ballade, es folgt „U + Ur Hand“, die zunächst erfolgreichste Auskopplung. „Nobody Knows“ ist eine schulmäßig orchestrierte Rockballade und irgendwann kommt „Dear Mr. President“. Pink nimmt sich des amerikanischen Präsidententrottels an – schlägt ihm einen gemeinsamen Spaziergang vor, wegen der ganzen Soldaten und dem, was sonst noch so in die Buchse gegangen ist.

 

Über den Schönheitswahn zu reden ist nie verboten und Bush-Bashing ist momentan voll im Trend. Die Zeiten, in denen es aus irgendwelchen Respekts- oder Patriotismusgründen verpönt war, zu sagen, dass Bush ein Volltrottel ist, sind vorbei. Und das sagt sie ja noch nicht einmal. Über Andeutungen geht es nicht hinaus, und erfolgreich ist das in Joan-Baez-Haltung vorgetragene Stück eh nur wiederum vorwiegend im deutschsprachigen Raum, wo man sich über die trotteligen Amerikaner ereifert, um sich nicht über die eigenen Fehlleistungen Gedanken machen zu müssen.

 

Mehr Ideen, Pink! Es wird langweilig.


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