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Die Vermählung von Konzertgitarren mit Rockmusik ist ein alter Hut. Jeder zweite Musikschüler wird mit der Illusion, dass das wirklich funktionieren kann, übers Ohr gehauen. Rockmusik aus Akustikgitarren von Heavy Metal-Musikern aus Mexiko Stadt, die in pazifischen Badeorten in die Straßenmusikerlehre gehen, auf ihrem Zug durch Europa in Irland hängen bleiben, dort mit einem Akustikalbum den ersten Platz der Charts erobern, Metal-Freunde wie Flamenco-Hörer, bekiffte Studenten wie Kunst-Omis gleichermaßen zur Verzückung bringen und von Globetrottern mit glänzenden Augen nach Hause getragen werden: das sind Rodrigo Y Gabriela.
Beide haben ungeheuer flinke Hände, während Rodrigo der Mann für die Melodieführung ist, übernimmt Gabriela die Rhythmusabteilung – und nutzt hierfür den gesamten Gitarrenkörper. Die beiden sind so gut, dass ihr Gitarrenbauer mit ihnen und stolz geschwellter Brust wirbt. Gesungen wird von den beiden Musikern (bisher) nicht, den Gesangspart übernimmt, wenn es gut läuft, das Publikum – was mit ihrer Version von „Wish You Were Here“ vor einem glückseligen irischen Publikum eindrucksvoll belegt ist.
Die gemeinsame Geschichte von Gabriela Quintero und Rodrigo Sanchez beginnt in Mexiko Stadt. Rodrigo Y Gabriela haben bereits einige Heavy Metal-Bands hinter sich, als sie Tierra Ácida gründen, ihre gemeinsame Gruppe. Die beiden haben Jobs, sie ist Musiklehrerin, er ist Musiker beim Fernsehen, sie erhalten sogar die Möglichkeit, ein erstes Album aufzunehmen, die sie nicht nutzen; gemeinsam lösen sie sich 1998 aus ihrem gewöhnlichen Leben und gehen auf Abenteuerreise.
Eigentlich ist es ulkig, dass Rodrigo Y Gabriela immer wieder genötigt werden, zu erklären, warum sie nicht nach Spanien gehen – das mag daran liegen, dass sie sich immer wieder genötigt fühlen, zu betonen, dass sie keinen Flamenco spielen. Nicht jeder mexikanische Gitarrist will also zum Flamencospielen nach Spanien … Das ist aber auch zu kompliziert: die beiden sitzen mit ihren Konzertgitarren nebeneinander, da erwartet der Ignorant auch schlicht, dass irgendetwas Flamenco- oder Mariachimäßiges passiert, stattdessen gibt es Heavy Metal, exakt einstudierte Performances, präzise Soli und – das darf nicht verschwiegen werden – Rhytmen, Themen, Melodieführung, die einen starken mexikanischen Bezug haben. Also ist das Heavy-Latin, Metal-Folklore oder Akustik-Rock.
Rodrigo Y Gabriela schließen einen Pakt, lassen ihre glänzenden Techniken mit recht unterschiedlichen Genres verschmelzen und erhalten etwas eigenes, etwas, was eine ganze Weile eigen bleiben dürfte, weil es kaum zu kopieren ist.
Rodrigo Y Gabriela – in Europa
Die beiden ziehen ab 1999 durch Europa. Ende der 90er landen Rodrigo Y Gabriela in Dublin. Sie haben eine Kontaktperson vor Ort, die sie jedoch sitzen lässt. Das nicht gerade üppige Budget ist – das ist eigentlich immer so – schneller erschöpft als geplant. Also greifen sie zu ihren Gitarren, trinken auf irischen Hochzeiten, die vermutlich besten Sprachkurse, die man machen kann.
Sie werden zu kleinen lokalen Größen in den Kneipen der Stadt, Rodrigo Y Gabriela lernen Kollegen kennen, etwa Damien Rice, der sie später aufs Oxegen lädt, ein irisches Festival. Zuvor ziehen sie durch verschiedene europäische Länder, prägend wird der Aufenthalt in Kopenhagen, davon zeugen zwei Lieder ihres selbstbetitelten Albums von 2006. Das eine ist nach einem Schaugeschäft benannt, das andere einem befreundeten Obdachlosen gewidmet, der sich zu so etwas wie ihrem Straßenmanager mausert: „Viking Man“.
Da die Lieder von Rodrigo Y Gabriela keine Texte haben, werden sie durch ein ausführliches Booklet ergänzt, das nicht allein die Lieder erklärt, sondern auch Hilfestellungen zum Nachmachen bietet. Auch in Spanien landen die beiden, allerdings behalten sie den Aufenthalt weniger gut in Erinnerung, da sie genötigt werden, sich europäischen Stereotypen von Mexikanern entsprechend zu verhalten – und die Polizei wiederholt Gratiskonzerte in der Öffentlichkeit unterbindet.
Ein erstes Album, „Foc“, steht bereits 2001 kaufwilligen Interessenten zur Verfügung, eine Schlafzimmerproduktion. Nachdem Damien Rice die beiden nach Irland zurückgebeten hat, entsteht 2003 für das Insellabel Rubyworks „Re-Foc“, ein Update und 2004 „Live In Manchester And Dublin“, mit dem Album, das aus Konzertmitschnitten aus der Manchester Academy und der Christ Church Cathedral besteht, steigen Rodrigo Y Gabriela in die irischen Top 10 ein, ein Rekord für instrumentale Live-Alben.
Rodrigo Y Gabriela – Rodrigo Y Gabriela
Der britische Produzent John Leckie wird auf Rodrigo Y Gabriela aufmerksam. Der Typ ist eine Legende, hat mit Größen wie The Fall, Muse, New Order, Radiohead, The Verve, The Stone Roses, Suede, den Simple Minds und vielen anderen gearbeitet und bittet nun die beiden Gitarristen zu sich nach Bath ins Studio. Im Februar 2006 erscheint das Album „Rodrigo Y Gabriela“, 42 Minuten geballte Spielfreude, die in Irland auf Platz eins der Charts einsteigt und dabei die Arctic Monkeys aus dem Weg räumt.
Die Musiker engagieren sich für etliche gute Sachen, für den Klimaschutz, den Naturschutz, den Tierschutz, für das, wofür sich Leonardo DiCaprio engagiert, und so beginnt auch das Album mit „Tamacun“, einem vertonten Appell an die Vernunft. Es folgen „Diablo Rojo“, der über das Fahrgeschäft im Tivoli und „Viking Man“. Es gibt ein Lied für John Leckie („Juan Loco“), eines für den Ort an der Pazifikküste („Ixtapa“), eins über die harte, erste Zeit in Europa („Satori“), eines für die ganzen Arschgeigen in der Musikindustrie („PPA“ – Pinche Personal Assistent, Pinche heißt so was wie Beschissene).
Die Lieder sind allesamt klasse, zwingen zu Bewegung, es muss hart für Rodrigo Y Gabriela sein, dabei selbst sitzen zu müssen. „Diablo Rojo“ sei hier als Anspieltipp wärmstens empfohlen, wer das Lied hört, weiß, wohin die Reise geht. Wie mutig sie wirklich sind, beweisen Rodrigo Y Gabriela im mittleren Teil des Albums. Dort befindet sich neben einem Metallica-Cover („Orion“) „Stairway To Heaven“, zwei Lieder, die man sich leisten können muss. Und die beiden können.
In Deutschland dauert es noch viele Monate, bis nur das Album auf den Markt kommt. Für Gabriela und Rodrigo geht es 2007 durch größer werdende Veranstaltungsorte im Königreich, zuhause in Irland und schließlich über den großen Teich in die USA. Charterfolge in Deutschland bleiben allerdings zu unserem Unverständnis aus. In der Schweiz finden sich sogar mehr Hörer, dort steigt "Rodrigo Y Gabriela" 2009 in die Charts ein, während ein neues Album beworben wird.
Im Herbst 2008 veröffentlicht das Duo "Live in Japan", im September 2009 gibt es dann "11:11", das dritte Studioalbum. Rodrigo Y Gabriela haben elf Lieder eingespielt, die elf Legenden gewidmet sind, darunter finden sich natürlich Carlos Santana und Jimi Hendrix, aber auch Pink Floyd, der Flamenco-Gitarrist Paco De Lucia, der Jazz-Gitarrist Al Di Meola, das Oud-Trio Joubran aus Palästina und viele andere Recherchetipps ... surftippsCD Reviews von Rodrigo Y Gabriela findet Ihr auf CDSTARTS.de |
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