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Rosenstolz
Rosenstolz Foto © by Universal Music & Olaf Becker

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Rosenstolz ist eines der erfolgreichsten Popmusikduos der vergangenen Jahre, vielleicht ist Rosenstolz das erfolgreichste deutsche Popmusikduo, das bis heute als Geheimtipp angekündigt wird oder auch als Berliner „Szenesensation“ (der Peter ist schwul); Rosenstolz ist das erfolgreichste Popduo, das als Geheimtipp gilt – über das unbedingt berichtet werden muss, dass es ihm mal vor vielen Jahren schwer gefallen ist, einen Vertrieb für die eigene Produktion zu bekommen, obwohl Rosenstolz (inzwischen ebenfalls seit vielen Jahren) einen sicherlich ordentlichen Majorvertrag in der Tasche hat; Rosenstolz ist also der erfolgreichste „Szenetipp“ aus Berlin, der mal Probleme hatte, einen Vertrag zu bekommen, der bei „Unsere Besten“ im ZDF (zum Kotzen) zur Wahl steht, der mal gegen Guildo Horn beim Vorentscheid zum Grand Prix verloren und davon profitiert hat. Rosenstolz gilt ferner als ein Pop-Act, der polarisiert – was immer das auch heißen soll.

 

Deutschland hat sich von einem föderalen Popmusiksystem hin zu einem zentrierten Popmusikstaat entwickelt. Das haben viele der Popmusikbeobachter noch nicht mitbekommen. Aber sie fühlen, dass in Berlin, der Hauptstadt, nicht nur die Trends (man spricht deutsch) lanciert werden, in Berlin, der Hauptstadt, konzentrieren sich alle maßgeblichen Musikrichtungen, man muss nirgendwo sonst mehr hinschauen. Das hat für Künstler aus Berlin große Vorteile und die Folge, dass sich in den Charts tolle Musiker wiederfinden, die vielleicht sonst nicht so große Chancen hätten – und dazu gehört Rosenstolz.

 

Rosenstolz ist inzwischen eine ganze Liveband, im Kern jedoch AnNa R. und Peter Plate. Die beiden, das wird man vermutlich irgendwann im ZDF erklären, haben ein bisschen Popmusikgeschichte geschrieben. Sie finden sich, und überwinden dabei direkt ein paar Grenzen, die zu dem Zeitpunkt (Anfang der 90er Jahre) ohnehin nur mehr gefühlt existieren. Sie vereinigen sich, und damit gleich noch den Osten mit dem Westen, das Schwulsein mit der Heterosexualität und die deutsche Sprache mit der Popmusik. Und um diesen Schwachsinn auf die Spitze zu treiben, kann man an dieser Stelle anfügen, dass die Rosenstolzens 2002 ihre jeweiligen Partner geehelicht, die sie beide im Arbeitsumfeld gefunden haben – Rosenstolz ist Vereinigung auf höchstmöglichen Niveau.

 

Peter Plate kommt 1967, Andrea Natalie Rosenbaum 1969, er in Neu-Delhi, sie in Ostberlin zur Welt, er beginnt in der niedersächsischen Provinz, an eigenen Kompositionen zu feilen, sie muss zunächst berufstätig werden, um sich professionell als Sängerin ausbilden lassen zu können, sie ist auf der Bühne extrovertiert, während er ohne sie oft ein wenig verloren wirkt, er macht sich auf eigene Faust nach Berlin, wo sich die zwei (was für ein schönes Bild) in einer Küche kennenlernen. AnNa R. und Peter Plate nehmen direkt ein gemeinsames Lied auf.

 

Rosenstolz – Soubrette werd´ ich nie

 

Aus einem kleinen Anfang ist schnell so etwas wie Besessenheit geworden. Rosenstolz kann vor allen Dingen düster melancholisch, gepaart mit einer lasziven Haltung, die, was AnNa R. angeht, immer wieder entfernt an das erinnert, was man heute mit dem schönen Berlin der 20er Jahre assoziiert. Rosenstolz nimmt in einer kleinen Hinterhofwohnung auf einem alten Vierspur-Tonbandgerät ihre Basteleien auf, viel später erinnern sich die Musiker in Interviews gerne daran, wie sie vor ihren frühen Konzerten noch schnell die Kassetten zum Verkauf beklebten.

 

Um die Frühwerke von Rosenstolz, frühe Aufnahmen berühmter Lieder, gibt es inzwischen eine Art Schlacht der Liebhaber, da es, wie das in solchen Fällen oft ist, gerade für einen Fan darum geht, echt und authentisch zu sein. Zunächst hat Rosenstolz Glück. Der Produzent Nina Hagens sieht eines ihrer Konzerte und nimmt die beiden unter Vertrag, noch ist Schmalhans Küchenmeister, das Debütalbum „Soubrette werd´ ich nie“ erscheint im Dezember 1992 und verkauft sich erst einmal kaum. Mit steigendem Erfolg ist jedoch gerade dieser Erstling zu einem wichtigen Bestandteil der Plattensammlungen all jener gereift, die sich als Fan bezeichnen. Das Album ist mehrfach neu veröffentlicht worden.

 

Unter finanziell schwierigen Bedingungen wird fortlaufend am eigenen Klang gefeilt. Rosenstolz schreibt viele neue Lieder, selbst erste Fernsehauftritte verhelfen nicht zu dem Erfolg, der es ihnen ermöglichen würde, die Sache alleine zu stemmen. Immerhin gibt es Leute, die an sie glauben, die Fangemeinde wächst, „Ich geh auf Glas“ und noch mehr „Schlampenfieber“ sind die Hits dieser Tage. Ab Sommer 1993 ist erneut Studiozeit angesagt,

 

Rosenstolz – Nur noch einmal

 

im Frühling erscheint „Nur einmal noch“. AnNa R. kann singen, wundervoll ist das erste kleine Video zur zweiten Single „Nur einmal noch“. Die Konzerte jener Zeit sollen Feste gewesen sein, das zumindest schwören all jene, die anwesend waren. Es ist die Zeit, in der jene Verhältnisse herrschen, die noch heute bei jedem Beitrag über Rosenstolz abgearbeitet werden müssen. Zum einen sind da die größer werdenden Konzerte, zum anderen sind die Produktionen Ladenhüter. 1994 noch gibt es das dritte Album „Mittwoch is´ er fällig“, das Video zum Titellied ist eine Fehlinvestition.

 

Auch „Lachen“, die andere Singleauskopplung, will nicht funktionieren – man hängt sich nicht weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass diese beiden Singles selbst mit der heutigen Popularität von Rosenstolz keine großen Erfolge wären. Zu bemüht scheinen die Musiker, irgendwie den Geschmack der entscheidenden Medienmacher zu treffen; das mag live anders klingen …

 

Ein sehr wichtiger Schritt ist jener 1996 zum Polydor, dem Label. „Objekt der Begierde“ heißt das Album, die Single „Sex im Hotel“ geht in die richtige Richtung, ist eine Blaupause für vieles, was deutschsprachig aus Berlin folgt. Rosenstolz ist, was das emotionale Sendungsbewusstsein angeht, ungemein facettenreich, kann albern – und dann wieder verdammt rührend sein.

 

Rosenstolz – Die Schlampen sind müde

 

Was wie eine Drohung daherkommt, ist der folgende Durchbruch. „Die Schlampen sind müde“ geht in die Charts, die (manche würden sagen: freche) Single „Königin“ ist ein glasklarer, opulenter Schlager, und die Leute mögen es. Es gibt im Fernsehen keine Formate, die dafür zuständig sind, höchstens der „Fernsehgarten“ – Single und Album verkaufen sich, weil die Leute, die sich die Musik gegenseitig empfehlen, einander vertrauen. Und das ist eigentlich das schönste an diesem Beginn einer großen Karriere.

 

Rosenstolz ist zu dieser Zeit bereits enorm bekannt, die beiden fallen aber auch auf, wenn sie irgendwo auftauchen. Anna R. schreibt das Buch „Lieb mich, wenn du kannst, nimm mich, nimm mich ganz“. 1998 kommt es schließlich zu dem Vorentscheid, der keiner ist, weil Guildo Horn gerade auf einer sensationellen Welle reitet. Rosenstolz macht es nun marktgerecht – und hievt eine aus dem Ärmel geschüttelte Best-of auf den zehnten Platz der deutschen Charts.

 

Rosenstolz – Zucker

 

Mit „Zucker“, dem nächsten Album, hat es Rosenstolz dann nun wirklich, wirklich geschafft. Ein zweiter Platz in den Charts, nur mit den Singles (z.B. „Ja, ich will!“ mit Hella von Sinnen) klappt es noch nicht. Die einen meinen, es läge an der politischen Botschaft, andere machen die Sprechgesangversuche verantwortlich. Ausgerechnet ein Album mit dem Titel „Kassengift“ landet 2000 auf dem ersten Platz der Charts und ausgerechnet ein lateinisches Stück, „Amo Vitam“, ist der bis hierhin größte Single- und Videoerfolg. „Total Eclipse“ mit Marc Almond und „Die schwarze Witwe“ mit Nina Hagen folgen.

 

AnNa R. beherrscht die großen Gesten, kann sich zerbrechlich geben („Es tut immer noch weh“) und fast schon bedrohlich bestimmend auftreten („Sternraketen“). Rosenstolz landet zwischenzeitlich immer wieder – sehr bewusst – in den 80ern, in der Jugend der Musiker, lässt sich aber auch darauf nicht festlegen.

 

Und diese Vielfalt, das tapfere Zusammenhalten, die lange gemeinsame Zeit spielt Rosenstolz nun aus – und wird belohnt. Auch wenn Nostalgiker auf die vermeintlich echteren, alten Platten schwören, dürfen die Alben „Herz“ (2004) und noch mehr „Das große Leben“ (2006) als die besten von Rosenstolz gelten. In einem ganz kleinen Raum geboren, ist Rosenstolz darüber hinaus, einer kleinen Szene entwachsen, dem Hauptstadtgedöns, den Bundesgrenzen gar. Nicht auszudenken, was nun kommen soll …


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