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Tocotronic


Woran misst man Bedeutung? Bei wikipedia gibt es für jedes Mitglied von Tocotronic einen eigenen Eintrag, da liest man dann von den Soloprojekten von Arne Zank, Jan Müller, Dirk von Lowtzow und Rick McPhail. Man kann aber auch auf der offiziellen Internetpräsenz von den Soloprojekten der vier lesen. Tocotronic scheint so klar, dass sich alles ins Detail stürzt, die Ränder abgrast. Beim Label Universal gibt man sich vor einer Albumveröffentlichung aufgeregt: Tocotronic bleibt fokussiert! Worauf? Egal! Alles, was mit Tocotronic & Harry zu tun hat, ist so bedeutungsschwanger, dass es einem den Spaß an der Musik verleiden kann. Dabei ist die von Tocotronic oft und ziemlich schön.

 

Auch wenn sie oft nicht besonders gut zu verstehen ist. Selbst die Bandmitglieder sollen mitunter rätseln, was ihnen der Dirk von Lowtzow (Phantom/Ghost, Sänger für Justus Köhncke, Hörspiele) vorne so singt. Wenigstens hat das der Arne Zank (Arne Zank, DJ Shirley, (Trick-)Filme) mal gesagt. Oder war es der Jan Müller (Das Bierbeben, Dirty Dishes)? Seit ein paar Jahren ist ja auch Rick McPhail (Glacier, Venus Vegas) Teil von Tomte – äh – Tocotronic. Tomte hat den Rick McPhail mal tüchtig geehrt.

 

Tocotronic – Digital ist besser

 

Was bleibt? Tocotronic muss man nachspüren, muss man nicht unbedingt verstehen, kann aber auch so eine große Freude sein (und zwar auch für Leute, die nicht relevant sind). Tocotronic kommt aus Hamburg, Tocotronic wird 1993 gegründet und Tocotronic ist ganz besonders wichtiger Bestandteil der Hamburger Schule (Sport und Politik). Zum ersten Album von 1995 gibt es amazon-Rezensionen von 1999! Und natürlich ist bei Tocotronic entscheidend, wer Tocotronic damals, beim ersten Konzert in der Roten Flora gesehen hat und wer schon bei „Digital ist besser“ (1995 halt) richtig geschaltet hat. Den anderen bleibt eine vor ein paar Jahren beträchtlich erweiterte Version des Debütalbums mit Undergroundpolitikpunkslogans, die gerne sentimental sein dürfen.

 

Das eigentlich kurze Album „Nach der verlorenen Zeit“ gibt es heute auch in einer um viele Livelieder ergänzte Version. Tocotronic ist in frühen Jahren druckvoll und laut, rau und bei L’age d’or, dem (also DEM) Label der 90er Jahre, das wirklich viele gute Bands gefördert und gefordert hat und 2007 pleitegegangen ist. Herr von Lowtzow ist ein wirklich toller Sänger, „Nach der verlorenen Zeit“ gibt es noch 1995, 1996 dann „Wir kommen um uns zu beschweren“, und als die Musikindustrie mit irgendwelchen Preisen kommt, lehnt Tocotronic einen davon ab, weil Stolz aufs Deutsch- und aufs Jungsein und die Sache mit dem Preis für den Erfolg nicht der Band Sachen sind. War eine schöne Zeit gewesen (Häßler). Keine Ahnung, ob heute noch eine Band die Größe hat und die Möglichkeit bekommt (weil sich einzwei Musikindustrielle einfach verschätzen), den laufenden Schwachsinn einmal so rundherum abzulehnen.

 

Tocotronic – K.O.O.K.

 

Und die Musik passt dazu, und man kann sie genießen, und „Wir kommen um uns zu beschweren“ schafft es in die Charts. Gleich 1997 wird „Es ist egal, aber“ nachgelegt. Drei Jahre, vier Alben, eine Entwicklung: die Texte werden deutlich komplizierter, die Musik wird – aber das wird noch deutlicher beim nächsten Album. Bevor „K.O.O.K.“ 1999 veröffentlicht wird, tourt Tocotronic (zum Beispiel durch die USA) und ist jetzt langsamer, mehr Pop und irgendwie schöner, weit weg von dieser ebenfalls schönen Rockattitüde zuvor. Von „K.O.O.K.“ gibt es dann auch ein Remixalbum, englische Versionen, Tocotronic justiert die Herzklappen der Gralshüter der doch immer und so viel besseren Gitarrenmusik neu – noch so ein Verdienst, den man nicht unter den Tisch fallen lassen sollte. „Jackpot“ ist prima.

 

Rick McPhail wird der Band zugeführt. Das Album von 2002 heißt dann einfach „Tocotronic“. Das selbstbetitelte Album einer Band ist so gut wie nie die Sternstunde, soll aber immer was bedeuten. Schwer ist das Album, und es wird bejubelt. Wo der Ignorant unter den eingesetzten Rockklischees leidet, weiß der Experte, dass Tocotronic mit den Rockklischees nur spielen will, alles ist durchdacht, alles ist Kalkül, und wo Jubel und Ehrerbietung Mitte bis Ende der 90er Jahre noch voller Freude waren, ist die Fan- und die Feuilletonistenschar, geht es um Tocotronic, nun von solch verbiesterter Strenge, dass einem schlecht werden kann. Eine Kirche ist entstanden.

 

Tocotronic – Pure Vernunft darf niemals siegen

 

„Pure Vernunft darf niemals siegen“ heißt dann auch das nächste Album von Tocotronic, das landet Anfang 2005 weit vorne in den Charts, ist wunderschön, Tocotronic wird aber trotzdem nicht gehört. Das Album fängt mit „Aber hier leben, nein danke“ an, es folgen mehrere Jahre der Fahnenschwenkerei. Folgerichtig heißt das nächste, schützenswerte, phantastische Album „Kapitulation“. Wir sind im Sommer 2007, Lowtzow, Zank und ihre Freunde sind allesamt nicht nur mit Tocotronic beschäftigt, das Label ist pleite, Universal übernimmt – und Tocotronic arbeitet in Berlin an Tocotronic.

 

Das gilt auch für die Arbeit an „Schall und Wahn“, das Album, das im Januar 2010 erscheint.





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