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Udo LindenbergUdo Lindenberg ist ein Typ, Kinder können ihn malen, mehr als zwei Hits von ihm aufzuzählen dürfte der Mehrheit schwer fallen. Er ist der Kumpel der Fernsehnation. Der Anfang seiner Karriere ragt derart weit in die deutsche Popmusikgeschichte zurück, weiter geht es kaum. Lindenberg beginnt als Jazzer, das Instrument? Keine Ahnung? Er ist Schlagzeuger, von der coolen Fraktion; ein Sozi, der im Hotel residiert. „Horizont“ ist so ein Hit, den man kennen sollte.
Es gibt TV-Experten, die sind TV-Experten, weil sie eine Weile „bei Lindenberg“ gespielt haben, im Panikorchester etwa. Die Zahl der Musiker, die bereits mit Lindenberg gearbeitet haben, ist gigantisch. Lang ist die Anzahl der Kooperationen mit berühmten Kollegen, länger noch die Anzahl derer, die bereits unter seiner Fuchtel standen. Lindenberg zeichnet sich dadurch aus, dass er glaubhaft vermittelt, es als Künstler ernst zu meinen – und immer mehr zu wollen. Er quatscht mit Honecker, obwohl der gemeinhin für den Teufel gehalten wird, und er arbeitet zum Beispiel mit Yvonne Catterfeld, obwohl die, das ist glasklar, in einer RTL-Serie spielt hat und deswegen doof ist. Er setzt sich gegen Nazis ein, auch wenn das nicht auf der Agenda steht, er arbeitet mit Theaterleuten und beim Film und ist zu allem Überfluss auch noch Maler.
Das eigentlich Phänomenale an Udo Lindenberg ist jedoch etwas anderes: Seine Lieder sind kaum noch zu hören. Er hat Hits, die werden noch bis Anfang der 90er Jahre regelmäßig im Radio gespielt. Heute sind die irgendwie verschwunden. Man kann sich noch jeden Mist anhören, die Heldentaten Udo Lindenbergs in den 70er und 80er Jahren hat die Zeit irgendwie verschluckt …
Und überhaupt ist heute wieder alles klar …
Udo Lindenberg kommt 1946 in Gronau auf die Welt, beginnt mit etwa zehn Jahren auf Benzinfässern zu trommeln und erhält zwei Jahre später das erste Schlagzeug. Mit 16 Jahren packt er seine Klamotten und zieht in die Welt hinaus. Er spielt in Düsseldorf beim Jazzmusiker Gunter Hampel, in Libyen und Frankreich, geht nach Münster an die Musikhochschule und spielt mit Inga Rumpf bei den City Preachers in Hamburg, nachdem er sich dagegen entschieden hat, Seefahrer zu werden.
Free Orbit ist die erste eigene Band, Udo Lindenberg spielen mit Jazzgrößen der Zeit wie Knut Kiesewetter, der als Teenager mit den noch unbekannten Beatles aufgetreten ist; der berühmte Klaus Doldinger lädt ihn in die Münchener Jazzszene, für die Urfassung der Tatort-Melodie sitzt Lindenberg am Schlagzeug. Die LP „Lindenberg“ wird 1971 veröffentlicht. Noch sind die Texte englisch, das ändert sich im folgenden Jahr: „Daumen Im Wind“. Ein wundervoller Titel für alle Reisenden, allerdings ein schwaches Album.
1973 ist das Geburtsjahr des Panikorchesters, in dem bis heute dutzende von Musikern spielen. Allein die Bassistin Steffi Stephan ist seit dieser Zeit fester Bestandteil der Band. Das Jahr ist der Ausgangspunkt für die Legende Udo Lindenberg, „Alles klar auf der Andrea Doria“, der Titel des nationalen Durchbruchs, wird zum geflügelten Wort unter den Coolen. Udo und sein Panikorchester bekommen den dicksten Vertrag, der einem deutschsprachigen Musiker bis zu diesem Moment unterbreitet wurde. Es folgt die erste gemeinsame Tournee.
… und dann packt er sich das Glas, das volle, und sagt: alles unter Kontrolle.
„Ball Pompös“, das Album von 1974, ist für das Gesamtbild des Künstlers ebenso wichtig wie sein Vorgänger. Egal ob „Rudi Ratlos“, „…er wurde aus dem Altersheim abgeholt, von diesen cleveren Businessleuten“ oder „Riskante Spiele“, das wunderschöne „Cowboy-Rocker“, seine Version von „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ oder einfach diese Zeilen: „Meistens geht das sehr gut, doch manchmal gibt es auch ne Pleite, dann wacht er morgens auf und Lady Horror liegt an seiner Seite …“ – Udo Lindenberg gibt den sozialkritischen Polititrockmusiker mit einem leichten Hang zum Hedonismus, wenn er nicht aufpasst. Man kann förmlich hören, wie gezecht wird.
In jedem Jahr gibt es wenigstens eine LP, zwischendrin eine englische oder eine niederländische, Lindenberg schiebt die Karriere von Ulla Meinecke an und 1979 geht er unter der Regie Peter Zadeks und mit Eric Burdon mit dem Titel „Dröhnland Symphonie“ auf Tournee. Zusätzlich bringt er mit „Hinter all den Postern“ ein Taschenbuch auf den Markt.
Herr Präsident, ich bin jetzt zehn Jahre alt, ich fürchte mich in diesem Atomraketenwald.
Die 80er werden zum großen Jahrzehnt des Udo Lindenberg. Knappe, klare Aussagen passen in die Zeit, heißblütig sind die Fans – das alles taugt jedoch nichts in einer Konsensgesellschaft. Obwohl er am Ende der 80er und noch Anfang der 90er frenetisch gefeiert wird, sinkt sein Stern rapide. Während andere Musikerlegenden jeden Mist locker absetzen können, spielt Lindenberg durch, in jedem Jahr produziert er, trotzdem, möglicherweise auch gerade deswegen, müsste er um gute Chartplatzierungen hart kämpfen (wenn er wollte).
Er wird zum Filmproduzenten, Schauspieler und erkämpft sich 1983 einen Auftritt im Palast der Republik. Als Jodeltalent bietet er sich im „Sonderzug nach Pankow“ dem Staatsratsvorsitzenden Honecker an. „Udopia“ (1981), „Keule“ (1982) und „Odyssee“ ist die wahrscheinlich einflussreichste Albumfolge seiner Karriere. Während „Udopia“ von politisch ambitionierten Texten überquillt, ist „Keule“ ein Rockalbum, wie es typischer nicht für die 80er sein kann. Mit „Odyssee“ und Gianna Nannini geht es auf die erfolgreichste Tour Lindenbergs.
1984 bekommt Lindenberg, wie auch die Kölner Kollegen von BAP, Absagen für die geplanten DDR-Touren. Dafür geht es 1985 in die Sowjetunion. Sechs Konzerte bei den „Weltjugendfestspielen“ in Moskau sind dem einen oder anderen in der BRD eindeutig zu viel. Wenn Udo sich über Bundeswehrsoldaten und Sextouristen lustig macht, ist das hart an der Grenze – wer mit den Russen paktiert, der geht zu weit, auch wenn er sich demonstrativ mit Willy Brandt zusammensetzt und mit verschiedenen Aktionen für die Beendigung des Hungers „in Afrika“ einsetzt.
„Horizont“, eine der beliebten Radioballaden in den späten 80ern, ist einer an einer Überdosis gestorbenen Freundin Lindenbergs gewidmet. Vielleicht geht er einfach zu ambitioniert für die Charts an die Sache. Der letzte große Erfolg in den deutschen Charts ist bezeichnender Weise „Gänsehaut“, die Zusammenstellung seiner Balladen 1988. „Hermine“ ist seiner Mutter gewidmet, daher holt er sich Tonaufnahmen der in ihrer Wohnung eingeschlossenen Marlene Dietrich, spielt Holländer und trägt Texte Kästners vor.
Für „Casa Nova“ (1988) geht Lindenberg ohne das Panikorchester ins Studio, das wunderbare Lied „Klavierlehrerin“ entsteht. Im Jahr darauf veröffentlicht er seine Autobiografie, er bekommt seinen ersten Herzinfarkt und die Mauer fällt. Ey, man sieht sich wieder, vielleicht nächstes Jahr …
Jahr für Jahr gibt es neue Udo-Produkte. Die Humpe-Schwestern komponieren für ihn, Lukas Hilbert arbeitet an seiner Seite, der Echt- und Selig-Produzent Franz Plasa nimmt sich seiner an. Udo Lindenberg spielt mit dem Filmorchester Babelsberg und bringt Freundeskreis und 3P zusammen.
Inzwischen ist er auch noch Maler. Die erste öffentliche Ausstellung seiner Werke gibt es 1996; dass er einen Zyklus mit dem Titel „Die 10 Gebote“ gemalt hat, sollte man wissen. Ein musikalisches Projekt, das zu Recht einmal mehr erhöhte Aufmerksamkeit verdient, ist die Revue „Atlantic Affairs“, Lindenberg holt in einem symbolischen Akt die Musik deutscher Exilanten aus Übersee. Helge Schneider ist daran beteiligt, ebenso Yvonne Catterfeld und Die Prinzen, Otto Sander und Ben Becker, es entsteht ein Film mit Horst Buchholz.
Es folgen Biografien, Arbeiten mit Wegbegleitern, große Shows, der 60. Geburtstag, Enthüllungen, Ehrungen, alles nichts für die Charts. Allein die Zusammenarbeit mit Jan Delay auf „Mercedes Dance“ (Jan Delays Album) ist ein kleiner Aufreger und darf als hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft gesehen werden – denn weiterhin produzieren wird Lindenberg garantiert.
… und auch im Bett ist tote Hose (und trotzdem lieb ich dich so sehr!)
2008 gibt es auf der Reeperbahn ein Udo-Lindenberg-Musical zu sehen – die Lebensgeschichte des Meisters gesungen, ein Schatz für all jene, die Lindenberg die Treue halten und eine Falle für die, die eigentlich „Ich war noch niemals in New York“ sehen möchten. Das Beste jedoch: mit "Stark wie Zwei" veröffentlicht Udo Lindenberg sein erstes Nummer-eins-Album. Diesmal arbeitet Jan Delay für ihn - und auch Helge Schneider gehört zu den Gastmusikern, ebenso Till Brönner. ![]() CD Reviews von Udo Lindenberg findet Ihr auf CDSTARTS.de Kostenlose Songtexte von Udo Lindenberg bietet lyrix.at |
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